München "Wie hätte ich gehandelt?"

München / MAGDI ABOUL-KHEIR 02.04.2015
Der Schriftsteller Fred Breinersdorfer ist Krimispezialist, aber als Drehbuchautor ("Sophie Scholl") auch Fachmann für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Nun hat er einen Film über Georg Elser geschrieben.

13 Minuten haben Georg Elser gefehlt: Sonst hätte er am 8. November 1939 Hitler in die Luft gesprengt und den Lauf der Historie verändert. Zu den Mythen im Nachkriegs-Deutschland gehörten Sätze wie: Wir haben nichts gewusst! Und wenn, hätten wir nichts tun können! Elsers Geschichte enttarnt das als Lüge. Eigentlich eine ungeheure Aussage. .

FRED BREINERSDORFER: Ich bin 1946, direkt nach dem Krieg, geboren, und in meiner Familie ging es immer um die Fragen, die meine Generation an unsere Eltern gestellt haben: Wie konnte eine derartige nationale Katastrophe passieren? Fragen an eine Generation, die sich immer als Opfer gesehen hat - wahlweise als Opfer der Nazis, also fehlgeleitete arme Menschen, wahlweise als Opfer der "Amis" oder der Juden. Dabei hätte man nur das tun müssen, was Elser getan hat: genau hinschauen.

Was hat man sehen können?

BREINERSDORFER: Es gab nach 1933 eine massive Aufrüstung, die nicht im Geheimen stattfand, damit wurde geprotzt. Hitler hat die Juden nicht heimlich nachts verfolgt, die Pogrome waren ein Propagandaspektakel. Er hat die Legion Condor nicht heimlich Guernica bombardieren lassen. Er ist auch nicht bei Nacht und Nebel in die Tschechoslowakei einmarschiert. Und bei all dem muss man bedenken, dass der Erste Weltkrieg 1938/39 gerade mal 20 Jahre vorbei war - die Traumata waren noch frisch. Nein, man hat schon wirklich bewusst wegsehen müssen, um den Nazis zu folgen.

Ihre Eltern waren bis zu ihrem Lebensende überzeugte Nationalsozialisten. Was hätten sie zu Ihrem Film "Elser" gesagt?

BREINERSDORFER: Mein Vater hat "Sophie Scholl - Die letzten Tage" gesehen. Er rief mich an und fragte mich, was mir eigentlich einfällt, über diese Vaterlandsverräter, die den kämpfenden Truppen den Dolch in den Rücken stoßen wollten, so einen Film zu machen, in dem sie wie Helden aussehen.

Urteile im Nachhinein sind immer heikel. Wie schützt man sich vor den anmaßenden Urteilen des Nachgeborenen? Man weiß ja nicht wirklich, wie man sich selbst verhalten hätte.

BREINERSDORFER: Genau mit dieser Frage: Wie hätte ich mich verhalten? Das Nazi-Regime ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist aus einer tiefen gesamtgesellschaftlichen Depression heraus entstanden, aus dem Folgen des Ersten Weltkriegs, des Versailler Zwangsfriedens. Man hat die Anderen - die Engländer, die Franzosen, die Juden, die Polen - beschuldigt, am Übel schuld zu sein. Dann wurde langsam das Bild einer Nation aus Herrenmenschen aufgebaut, schließlich wurde die Gesellschaft gleichgeschaltet. Ein schleichender kollektiver Prozess - wer sich widersetzte, geriet in Gefahr. Selbst wenn ich so anmaßend sein darf, mich als kritischen Geist zu sehen, dann weiß ich immer noch nicht, ob ich wie die Geschwister Scholl oder wie Elser gehandelt hätte. Wenn ich ganz ehrlich bin: In dieser Radikalität wohl eher nicht. Umso mehr faszinieren mich diese Menschen.

Wenn man eine solche Geschichte auf die Leinwand bringt, möchte man historisch möglichst authentisch sein, dazu eine Heldengeschichte erzählen, aber auch eine spannende Filmdramaturgie bedienen. Wie schafft man es als Autor, dass das alles zusammenpasst?

BREINERSDORFER: Zunächst recherchiert man und sammelt Fakten. Denn oft ist das Leben spannender als eine ausgedachte Geschichte. Aber es gibt bei jeder Recherche sachliche Lücken, die man mit Fiktion füllen muss. Bei der Gesamtkomposition eines Drehbuchs muss man beides in einem künstlerischen Bogen zusammenstellen, um eine spannende Geschichte zu erzählen. Ich will das Publikum ja nicht langweilen, sondern einfangen.

Wie viele Freiheiten darf man sich dabei erlauben?

BREINERSDORFER: In der Kunst darf man prinzipiell alles. Beschränkungen ergeben sich aber aus der Frage, welchen Anspruch man an sich stellt und nach außen trägt. Bei einem Film, der auf Tatsachen beruht, muss man redlich und sorgfältig mit dem Stoff umgehen.

"Sophie Scholl", "Elser", nun auch ein Anne-Frank-Film: Lernen Sie beim Recherchieren und Schreiben immer noch Neues über diese finstere Zeit?

BREINERSDORFER: Es bleibt dieses große Rätsel, wie ein ganzes Volk derart versagen konnte, und dazu findet man ständig neue Aspekte, ohne die Frage gültig beantworten zu können. Deswegen verjähren diese Dramen auch nicht.

Ist der Jurist in Ihnen am Werk, wenn es darum geht, einem Menschen wie Georg Elser späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?

BREINERSDORFER: Rechtanwaltsgeschichten haben leider selten was mit Gerechtigkeit zu tun (lacht). Es dreht sich hier eher um ein moralisches Thema. Und ich spüre eine Verpflichtung gegenüber Georg Elser, der so lange - um es milde zu sagen - in Deutschland nicht anerkannt wurde.

Zur Person vom 2. April 2015

Karriere Fred Breinersdorfer ist nicht nur Jurist und Krimi-Autor (z. B. die Romanreihe um Anwalt Abel), sondern auch einer der erfolgreichsten deutschen Drehbuchschreiber. Er hat die Bücher zu rund 70 Kino- und TV-Filmen wie "Der Hammermörder", "Sophie Scholl - Die letzten Tage" und "Der Chinese" verfasst, aber auch 20 "Tatort"-Folgen. Hinzu kommen Theaterstücke und Hörspiele (sein Hörspiel zu "Elser" wird morgen, Karfreitag, 20.03 Uhr, auf SWR 2 gesendet). Zuletzt hat Breinersdorfer - der 1946 in Mannheim geboren wurde, lange Jahre in Stuttgart lebte und heute in Berlin zuhause ist - das Buch zu der Verfilmung von "Das Tagebuch der Anne Frank" geschrieben.

Co-Autorin Das Drehbuch zu dem sehenswerten Film "Elser" (Regie: Oliver Hirschbiegel), der kommenden Donnerstag in die Kinos kommt, hat er zusammen mit seiner Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer verfasst, die als Anwältin und Autorin in Stuttgart lebt. Sie habe dem Projekt durch die größere historische Distanz eine weitere Sichtweise hinzufügen können, sagt sie. Ihre Generation sei "weg von der Schuld-Frage und kann daher freier damit umgehen. Man kann heute anders erzählen als in den 70ern Jahren, als die Leute, die Dreck am Stecken hatte, noch präsenter waren."

 

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