Stuttgart "Was geschah mit Baby Jane?" in Stuttgart

Die Schwestern Corinna Harfouch und Catherine Stoyan spielen in Stuttgart Schwestern. Foto: Sonja Rothweiler
Die Schwestern Corinna Harfouch und Catherine Stoyan spielen in Stuttgart Schwestern. Foto: Sonja Rothweiler
Stuttgart / OTTO PAUL BURKHARDT 04.03.2013
Sie quälen und umarmen sich. Die Geschwister Corinna Harfouch und Catherine Stoyan spielen in Stuttgart "Was geschah mit Baby Jane?" - frei nach dem Film von 1962. Schaurig, tragikomisch. Sehenswert.

Früher, ja früher, da war Blanche Hudson ein Kinostar. Heute sitzt sie, an den Rollstuhl gefesselt, in ihrer Villa und schimpft, wenn sie ihre alten Filme sieht: "Mein Gott, was für ein Käse!" Corinna Harfouch spielt diese Blanche als Grande Dame zwischen verwehter Grandezza und fortgeschrittener Verbitterung. Als noch immer auftrittssichere, befehlsgewohnte Diva. Aber auch als hilfsbedürftige Frau, die sich mühsam auf die Bettpfanne wuchtet. Als bellende Alte, die nur noch lästert über diese "Vollidioten" von Regisseuren. Ihre Hollywood-Bilanz: "Alles Illusionen!"

Bei ihrer Schwester Jane, die nie über den Status eines Kinderstars hinauskam und nun die behinderte Blanche pflegen muss, ist die Bitterkeit bereits umgekippt in Schlimmeres. Catherine Stoyan zeigt Jane als psychisch Kranke, als gespaltene Persönlichkeit: Immer wieder fällt diese Jane mit Pieps-Stimme in ihre alten Rollen zurück, posiert als allerliebst puppige Strahle-Göre mit Schleife im Haar - und verwandelt sich Momente später in eine keifende Monster-Frau, die wie ein böser Geist durchs Haus schlufft, ihre Schwester Blanche quält und ihr tote Ratten zum Essen serviert. Bis sich die beiden, zumindest anfangs, wieder versöhnen - und Arm in Arm Kinderlieder singen.

Alle Achtung. Ein famoser Auftakt. Stuttgarts Schauspiel zeigt "Was geschah mit Baby Jane?", frei nach dem gleichnamigen Roman von Henry Farrell (1960) und dem Hollywood-Klassiker von Robert Aldrich (1962). Der ist mit Bette Davis als Jane und Konkurrentin Joan Crawford als Blanche noch immer unvergessen und hat Davis Ruhm als Königin des Psycho-Rollenfachs gefestigt: "She did it the hard way", steht auf ihrem Grabstein: Sie nahm den harten Weg.

In Stuttgart schließt sich im letzten Intendanz-Jahr von Hasko Weber auch ein Kreis: Denn Corinna Harfouch und Catherine Stoyan hatten bereits in der ersten Weber-Saison 2005/06 mit "Herr Ritter von der traurigen Gestalt" für einen Publikumsknüller gesorgt. Jetzt also spielen sie zwei abgemeldete Filmdiven, und Regisseur Christian Weise hat ihnen dazu eine verschmockte, detailverliebt voll gepfropfte, zweistöckige Villa ins Kammertheater bauen lassen - mit einem grandiosen Lüster im Treppenhaus (Bühne: Volker Hintermeier). Das Publikum sieht und weiß so immer alles, es sieht, wie Harfouchs Blanche oben geknebelt um Hilfe ruft und wie gleichzeitig Stoyans Jane unten mit dem Pianisten Edwin flirtet (Benjamin Grüter).

Weises Regie beschränkt sich auf Erzähltheater und beginnt als Klamotte. Wenn Jane dann ihre Schwester Blanche verprügelt und endgültig wegsperrt, verdichtet Weise das Ganze zum Psycho-Thriller über zwei Frauen im Kriegszustand. Aldrichs Film, der viel mit Naheinstellungen arbeitet, zeigt noch ganz andere Abgründe. Das Theater bietet dafür den Blick aufs schaurige Ganze. Wie auch immer: Weise ermöglicht starkes Schauspielertheater. Am Ende zieht Jane ihrer Schwester Blanche eine Decke über den Kopf, sagt "Schluss mit dem Gebrabbel" und verbeugt sich triumphierend. In Kinderstar-Pose.

Info Die nächsten Aufführungen von "Was geschah mit Baby Jane?" sind ausverkauft. Karten gibt es noch für die Vorstellungen am 27., 28. und 30. März.

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