Ausstellung „Von Athen lernen“: Was uns auf der documenta erwartet

Die Kunstwelt blickt kommende Woche nach Athen. Dort wird die documenta eröffnet.
Die Kunstwelt blickt kommende Woche nach Athen. Dort wird die documenta eröffnet. © Foto: dpa
Ulm / Lena Grundhuber 01.04.2017

Und was sagt Paco dazu? „Die Pferde freuen sich, dass sie Futter kriegen“, meint Tina Boche und freut sich hörbar über die eigene Antwort. Ihr Hengst Paco steht zum Zeitpunkt dieses Telefonats an der serbischen Grenze im Hänger und hat wohl wenig Begriff davon, dass er in seiner Eigenschaft als Pferd in diesem Moment bereits Mitspieler der wichtigsten zeitgenössischen Kunst­ausstellung der Welt ist.

Seine Besitzerin ist dafür umso aufgeregter: „Es ist wie ein Traum – ich mit meinem Pferd in Griechenland bei der documenta!“ Als eine von vier Reitern – und als einzige Frau – wird die 55-Jährige, die eine Reitschule bei Augsburg hat, kommende Woche von Athen aus auf einen 100-Tage-Ritt nach Kassel aufbrechen, wo bei ihrer Ankunft dann schon einen Monat lang Teil zwei der documenta 14 läuft.

Erstmals an zwei Orten

Erstmals in der Geschichte spielt sich die Weltkunstausstellung gleichberechtigt an zwei Orten ab, wobei die Bewegung von Süd nach Nord sicherlich nicht nur den klimatischen Annehmlichkeiten geschuldet ist: „Von Athen lernen“ ist das Motto, und darin steckt auch schon eine Kritik an den finanzpolitischen Schulmeistereien, denen die Griechen in den vergangenen Jahren nicht zuletzt von deutscher Seite ausgesetzt waren. Die documenta aber, erklärte der künstlerische Leiter Adam Szymczyk vor wenigen Wochen, gehöre nicht nur Deutschland, sondern vielen Menschen, ungeachtet der nationalen Grenzen.

Wie virulent nationale Identitäten dennoch sind, hat der Kurator zu spüren bekommen, als im Herbst die öffentlichen Programme mit „34 Freiheitsübungen“ im Städtischen Kunstzentrum im Parko Eleftherias begannen. Während der griechischen Militärdiktatur (1967-1974) war dort das Hauptquartier der Militärpolizei eingerichtet, im dahinterliegenden Gebäude wurden Menschen gefoltert. Die Umgestaltung zu einem „Parlament der Körper“, diese künstlerisch-architektonische Freilegung der Geschichte im Rahmen einer deutschen Ausstellung erregte Berichten zufolge prompt Kritik  – und das, obwohl der Künstler Andreas Angelidakis heißt. Man darf also eine politische, vielleicht gar spannungsreiche documenta erwarten. Adam Szymczyk hat sich inhaltlich bislang bedeckt gehalten. Er wünscht sich vor allem, die Schau möge eine „Erfahrung“ sein – interdisziplinär, ganzheitlich, antiautoritär, partizipatorisch. Eine komplette Künstlerliste wird nicht vorab veröffentlicht, allerdings soll es 150 Mitwirkende geben, allein in Athen wird die documenta rund 50 Orte bespielen.

In der Konzerthalle Megaron sind Kompositionen zu hören, „in denen politische und gesellschaftliche Umbrüche widerhallen“, bei einer ehemaligen Seidenfabrik soll es in Anlehnung an Mies van der Rohes Denkmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht eine Bühne für Arbeiter- und Frauenrechte geben, am Viktoria-Platz, wo 2016 ein improvisiertes Flüchtlingslager entstand, will Rick Lowe Dialoge mit Flüchtlingsgruppen initiieren und im Hafen von Piräus wird der griechisch-afrikanische Rapper  Negros Tou Moria ein Konzert geben, ausgehend von der Rembetiko-Musik der griechischen Flüchtlinge aus Kleinasien in den 1920ern.

Politische Themen

Auch in den Essays des Begleit-Magazins „South – As a ­State of Mind“ geht es um Hunger und Gewalt, um Indigenität und Exil, Kapitalismus und Neobliberalismus. Manches mag sich hart an der Grenze zur Theorie-Satire bewegen („Von der logokularen Anthropotechnik zu posthumanen Dispositiven: Überlegungen zu einem Manifest des postdiskursiven Zeitalters“). Doch was hat man sich 2012 nicht über die esoterischen Ausführungen der documenta-13-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev mokiert – und am Ende kamen 860 000 Menschen, um sich von einer durchaus zugänglichen Kunstschau inspirieren zu lassen.

Nimmt man den ganzheitlichen Ansatz Szymczyks beim Wort, ist es völlig in Ordnung, wenn die Reiterin Tina Boche mit ihrem Ritt quer durch Europa ihre eigene, nicht originär künstlerische Agenda verfolgt. Sie will auch zeigen, was ein ganz normales Haflingerpferd wie Paco drauf hat und „dass wir unsere Kultur den Pferden zu verdanken haben“. Was Adam Szymczyk will, das werden wir kommende Woche hoffentlich: erfahren.

Alle fünf Jahre wieder

„Museum der 100 Tage“ Die documenta 14 eröffnet in Athen kommendes Wochenende und dauert bis 16. Juli. Der zweite Teil in Kassel läuft von 10. Juni bis 17. September. Starten in Athen die Reiter zur Eröffnung, so wird in Kassel ein Tempel aus verbotenen Büchern gebaut, der dann zum Einsturz gebracht wird. Auf dem Königsplatz wird das Wahrzeichen errichtet: ein 16 Meter hoher Obelisk. In Athen nutzt die documenta unter anderem das mangels Geld noch nicht eröffnete Museum für zeitgenössische Kunst (EMST). Werke aus der Sammlung werden in Kassel gezeigt.

Die documenta wurde 1955 von Arnold Bode begründet, der zu Beginn vor allem die von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamierte Kunst zeigen wollte. 1972 wurde die Schau politischer und zeigte sich nur noch alle fünf Jahre. Infos unter: http://www.documenta14.de/en dpa

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