Festspiele „The Bassarids“ und „Die Perser“ in Salzburg

Salzburg / Otto Paul Burkhard 21.08.2018

Da staunten manche. Schon in der Pause konnten Festspielgäste „voten“, sprich: an einem Touchscreen die laufende Aufführung benoten. „Demokratie bei Kultur-Events“, so warben die Plattform-Betreiber. Die Resonanz fiel bescheiden aus: Bei der Premiere der „Perser“ stimmten 49 von 700 Besuchern ab, die meisten davon wählten „hervorragend“.

Ja, die üblichen Aufreger-Debatten blieben in Salzburg diesmal aus. Gut, die krankheitsbedingten Ausfälle von Tobias Moretti und Sophie Rois erregten Aufsehen, ebenso Wassereinbrüche durchs Dach im Festspielhaus, weswegen der Pianist Grigori Sokolov als Zugabe Chopins „Regentropfen“-Prélude intonierte. Doch es scheint, als ob Intendant Markus Hinterhäuser, der auch in seiner zweiten Saison eher auf Inhalte als auf Namen setzt, wieder etwas Ruhe und ja, Besinnung, in die kurzatmige Festspiel-Hektik gebracht hat. Zwei letzte Premieren, „The Bassarids“ und „Die Perser“, bestätigten diesen Eindruck.

Zunächst „The Bassarids“ von Hans Werner Henze: Große Oper war das, mit einer ungeheuerlichen Musik und einem Urkonflikt, der in seiner archaischen Wucht auch einem abgebrühten Publikum von heute den Atem stocken lässt. 1966 ist die Oper in Salzburg auf Deutsch uraufgeführt worden, nun, 2018, entschied man sich für das englische Original des Librettos von Wystan Hugh Auden und Chester Kallman, ergänzt um einen Prolog von Henze.

Die dem zugrunde liegende Euripides-Tragödie „Die Bakchen“ verhandelt den Zwist zwischen Vernunft und Exzess, zwischen König Pentheus und dem Außenseiter Dionysus. Regisseur Krzysztof Warlikowski zieht uns förmlich in den antiken Thriller hinein: Noch bevor die Musik einsetzt, ist ein leises Grollen zu vernehmen, und der Gott des Rausches stellt sich mit dröhnender Bass-Stimme aus dem Off vor, mit rachsüchtiger Lache: „I am Dionysus, the son of Zeus!“

Der Kampf zwischen Askese und Raserei beginnt. 80 wie Festspielgäste gekleidete Choristen, sprich: Bürger aus Theben, strömen in den  Zuschauerraum. Jetzt setzt die Musik ein: ein kraftvoller Huldigungschor zu Ehren des Vernunft-Königs Pentheus. Doch kaum lässt Dionysus seinen Lockruf „Ayayalya“ erklingen, rennen die Thebaner, urplötzlich angesteckt und umgedreht, schon wieder raus, um sich mit Dionysus auf dem Berg Kytheron dem Tanz und der kollektiven Hysterie hinzugeben.

Nicht schlecht gemacht von der Regie: Der Kampf zwischen Ratio und Ekstase findet überall und bis heute statt, mitten im Salzburger Publikum.

Um die psychologischen Abgründe des Konflikts auszuleuchten, teilt die Regie die extrabreite Bühne der Felsenreitschule in Sektoren fürs Private, Staatliche und Kultische ein – sie geraten zunehmend durcheinander. Die politische Brisanz des Stoffes – Demagogen wie Dionysus verführen die Massen – muss Warlikowski gar nicht forcieren: Sie ergibt sich von selbst. Dionysus entwickelt sich bei Sean Panikkar vom fremden Ankömmling mit Kapuze zum fanatisch verehrten Sektenguru, der mit glutvollem Tenor sanfte Arroganz verströmt.

Sein Gegenspieler Pentheus, mit kämpferischem Elan gesungen von Bariton Russell Braun, agiert in roter Outdoor-Jacke wie ein Politiker auf Katastrophenbesuch vor Ort zwecks Stimmenfang. Um Dionysus inkognito zu beobachten, wirft er sich in Frauenkleider und vollführt darin groteske Ausdruckstänze.

Die Regie zeigt, dass die Gegner auch manches verbindet – inzestuöse Abgründe etwa. Nur wenn Pentheus von seiner dionysisch ausgetillten Mutter Agaue (stark: Tanja Ariane Baumgartner) uneinsehbar mit der Axt geköpft wird, lässt Warlikowski ­dosierte Splatter-Drastik zu.

Die Regie erzählt, wie Massenverblendung in Gewalt umschlägt – bilderreich, tiefer lotend und ohne Besserwisserei. Kent Nagano am Pult der Wiener Philharmoniker entfaltet Henzes Musik zwischen krassen Schärfen und betörendem Wohlklang, zwischen Schlagzeugdonner und zirpenden Mandolinen, zwischen Bach-Anklängen und Mahlerscher Süße: grandios. Viel Jubel für alle, auch für die Regie.

In die Antike zurück führt auch die Schauspielsparte unter Bettina Hering. Als letzte Premiere war das älteste Theaterstück überhaupt angesetzt, „Die Perser“ von Aischylos über den Sieg der Griechen in der Schlacht von Salamis, geschrieben aus der Sicht der Verlierer.

Regisseur Ulrich Rasche, bekannt für Chortheater auf maschinellen Laufbändern, lässt auch diesen Aischylos-Text von beständig gehenden Akteuren im Schritt-Tem­po zelebrieren – Wort für Wort in kunstvoller Rhythmik. Ein Schreit-Oratorium sozusagen. Antiker Rap in Slow Motion.

Zwei Drehbühnen gibt’s: Vorne treten drei schwarzgewandete Frauen auf der Stelle, dahinter tun 15 Krieger dasselbe, mit nackter, pechverschmierter Brust. Deren Plattform kreist oft in heftiger Schräglage, weshalb die Akteure mit Haltegurten gesichert sind.

Laut Durs Grünbein, dessen Übersetzung hier gespielt wird, ist dieser Schlachtenbericht ein „einziger langer Schrei, übertragen in Worte“. So klingt das auch. Katja Bürkle, Valery Tscheplanowa und Patrycia Ziolkowska deklamieren den Text als großen Klagegesang. Alle gehen im langsamen Gleichschritt und kommen doch nicht vom Fleck. Rasches zeremonielles Tretmühlen-Theater mutet wie ein Trauerzug an, in dem die Schrecken des Kriegs nachbeben.

Den Takt gibt eine sich immer wieder neu aufsteigernde, monoton-repetitive Live-Musik vor, im Stil von Philip Glass. Der gedehnt rhythmisierte Text zieht sich über vier Stunden dahin. Klar, dass im Dauer-Pathos manches komisch wirkt, etwa wenn die persische Königsmutter wie eine besorgte Vorstandsvorsitzende fragt: „Wo liegt denn dieses Athen? Sind die dort reich?“ Oder wenn Dareios aus dem Grab steigt und nach Schuldigen sucht: „Wer von den Jungs hat den Feldzug geführt?“ Rasches Konzept – suggestives Überwältigungstheater – hat Längen, doch trotz gelichteter Reihen gibt’s am Ende Beifall. „Voten“ will jetzt kaum jemand. Draußen ist es schon kurz vor zwölf.

Intendant am Klavier

Die Zeiten, da Festspielintendanten in Salzburg immer schneller kamen und gingen, sind vorbei: Markus Hinterhäuser ist seit 2017 für fünf Jahre verpflichtet. Er ist Pianist, Moderne-Experte und tritt auch selbst beim Festival auf – diesmal mit Sonaten von Galina Ustwolskaja.

Hinterhäuser hat einen neuen Ton in den Festivalzirkus gebracht: Statt nur auf Glamour und große Namen setzt er wieder mehr auf Inhalte und ungewöhnliche Besetzungen. Ins allgemeine Jammern über den Niedergang der E-Musik-­Szene will er nicht einstimmen: „Freunde“, sagt er gerne, „die klassische Musik ist nicht in der Krise. Wir sind in der Krise.“ op

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel