Hofesh Shechter „Tanz kann das Unaussprechliche ausdrücken“

Ulm/London / Claudia Reicherter 11.06.2018
Höhepunkt des Tanzfestivals „Ulm Moves!“ ist das Gastspiel der gefeierten Londoner Compagnie am Samstag im Theater Ulm.

Seine Choreografien wirken, als sehe man ihm beim Denken zu, schrieb mal ein Kritiker über den israelischstämmigen Londoner Choreografen Hofesh Shechter, den die Queen vergangene Woche mit dem Verdienstorden Order of the British Empire auszeichnete. Weil Stücke wie die Eröffnungssequenz der britischen Teenie-Serie „Skins“ (2008), „Political Mother“ (2010), „Sun“ (2013) oder seine Neuinterpretation des „Fiddler on the Roof“ für den New Yorker Broadway (2016) trotzdem zugänglich und dabei ungemein lässig und ästhetisch zugleich sind, gehört der 43-jährige ehemalige Batsheva-Tänzer schon seit einigen Jahren zu den gefragtesten Vertretern  seiner Zunft.

So war die Deutschlandpremiere seines neuen Stücks „Grand Finale“ im Juli 2017 beim Stuttgarter Colours-Festival ruckzuck ausverkauft. Jetzt kommt Shech­ter mit zehn Tänzern und sechs Musikern zurück in den Südwesten: Als einer der Höhepunkte von „Ulm moves!“ – auf übereinstimmenden Wunsch aller Veranstalter dieses seit Donnerstag zum dritten Mal an verschiedenen Orten in der Stadt gefeierten Tanzfestivals.

Wir erreichen Shechter am Telefon vor einer Aufführung von „Grand Finale“ in Dresden.

Hallo, Herr Shechter, haben Sie von den jüngsten Evakuierungen wegen Bombenfunden in Dresden etwas mitbekommen?

Hofesh Shechter: Bei einem früheren Besuch, ja. Da war der Flughafen gesperrt, weshalb ich erst am Abend mit reichlich Verspätung und von Berlin aus nach London zurückkehren konnte.

Sie erschaffen viele Stücke für Festivals in aller Welt. Sind die Vorbereitungen zu „Grand Finale“ besonders aufwändig?

Nein, für eine Choreografie, mit der wir auf Tour gehen, ist es normal, einen Tag davor zusätzlich zum Tag der Aufführung zur Vorbereitung einzuplanen. Aber es ist eine technisch anspruchsvolle Inszenierung mit aufwändigem Licht-Einsatz und Live-Musikern mit kabellosen Mikros sowie einem In-Ear-Monitor-System.

Im Vergleich zu den Dresdner Musikfestspielen, zu Movimentos oder Avignon ist „Ulm Moves!“ noch ganz jung und recht klein. Wie wichtig sind Ihnen gerade solche Festivals?

Mir kommt es nicht auf die Dicke der Programmhefte oder irgendeine Art von Festival-Ranking an. Es geht mir um die Menschen. Ich möchte eine Verbindung zum Publikum schaffen, Interesse an meiner Arbeit wecken. Deshalb toure ich gern. Weil es da oft intimer und intensiver zugeht, genieße ich gerade kleinere Festivals und Spielorte.  Im Moment bin ich vor allem gespannt aufs Theater Ulm.

Sie haben in Tel Aviv bei Ohad Naharins Batsheva Dance Company getanzt, in einer Band getrommelt und in Paris Musik studiert.  Warum zogen Sie 2002 nach London, um Ihre eigene Compagnie zu gründen?

Ich hab’ mir das nicht direkt ausgesucht, sondern bin eher halt dort gelandet. Weil meine damalige Freundin Osteopathie studieren wollte und die beste Schule dafür in London war, kam ich mit. Erst fand ich die Stadt riesig und teuer, laut und chaotisch. Es brauchte eine Weile, bis ich mich daran gewöhnte und die Möglichkeiten sah, die dieser Ort bietet. Es ist ein guter Ort, um kreativ zu sein. Mit „Uprising“ und „In Your Rooms“ begann dann 2006/2007 das Interesse von Sadler’s Wells. Es kommt wohl drauf an, ob man an Zufälle glaubt . . .

Und? Glauben Sie daran?

In dem Sinn, dass Dinge aus einem bestimmten Grund passieren, ja. Den sehe ich eher im physikalischen, biologischen, chemischen Bereich als im spirituellen. Nur: Wir können das weder verstehen noch erklären.

Bringt uns Tanz alledem näher?

Tanz ist eine Kunstform am Übergang zum Abstrakten. Es geht darum, was Menschen fühlen. Weil Tanz Verwirrung stiftet und zugleich logische Zusammenhänge aufzeigt, fühle ich mich davon so sehr angezogen. Weil wir nicht klug genug sind, versuchen wir, die Welt durch Sinneseindrücke ein wenig besser zu verstehen. Das ist sehr verwirrend und komplex – und interessant.

Handelt davon auch „Grand Finale“?

„Grand Finale“ entspricht einer riesigen Informationsflut. Es zeigt eine Welt, die sich laufend ändert, offenbart, stolpert. Die zehn Tänzer stehen für das Gefühl, dass sich nichts wirklich greifen lässt. Es gibt Wände, die Grenzen darstellen, die sie aber verschieben können und dadurch den Raum neu anordnen. Dem gegenüber stehen die sechs Live-Musiker auf der Bühne, die viel sanfter, harmonischer wirken. Sie spielen gegen elektronische Sounds an und versuchen, alles irgendwie zusammenzuhalten. Wie die Band auf der sinkenden Titanic. Sie repräsentieren die Würde und Schönheit des menschlichen Geistes. Bis zum Schluss. Es geht in der Choreographie um das Gefühl, dass die Welt um uns herum zusammenbricht. Sie zeigt auf poetische Weise, was ich empfinde.

Warum bringt ein verhältnismäßig kleines Land wie Israel so viele bemerkenswerte Tanztalente und -gruppen hervor? Warum wuchert der moderne Tanz dort geradezu aus allen Ecken?

Aus zweierlei Gründen: Erstens ist Israel ein Land, in dem anders als etwa in England das Tanzen einfach dazugehört, Volkstänze sind ein integraler Bestandteil der Kultur, gehören fest zu jedermanns Leben. Zu meinem auch, ich hab schon als Kind damit angefangen. Und zweitens hängt das mit dem Bestehen der Batsheva Dance Company zusammen und ihrem Leiter Ohad Naharin. Gerade in einem so kleinen Land hat das immense Auswirkungen.

Batsheva hat Sie auf eine Art ja vor dem Militärdienst bewahrt . . .

Ganz so drastisch würde ich es jetzt nicht ausdrücken. Aber es stimmt, als Tänzer von Batsheva hatte ich während meines Wehrdienstes einen besonderen Status inne. Um mit der Compagnie touren zu können,  hat sich Batsheva auch dafür eingesetzt, dass mein Wehrdienst verkürzt wurde. Aber dann kommt der Reservedienst. Die Person, die das entsprechende Gespräch mit mir führte, war der Meinung, es sei an der Zeit, dass ich meinem Land nun „richtig diene“. Indem ich mich in die besetzten Gebiete entsenden ließe. Ich argumentierte, dass das nicht meine Stärke sei. Dass ich mehr für Israel tue, indem ich Choreografien und Musik schaffe und eine Tanzcompagnie leite. Aber diese Unterhaltung führte zu nichts, wir kamen da nicht zusammen. Am Ende hätte ich dagegen vor Gericht ziehen müssen. Da ich aber das Land zwar nicht deswegen, aber etwa um diese Zeit verließ, fiel ich durchs Raster.

Steigern solche biografischen Hürden die Kreativität vielleicht eher noch als dass sie diese eindämmten?

Wie mein Leben verlaufen ist, das hat sicherlich Gefühle in mir hinterlassen. Ärger, Zorn, Leid, Verzweiflung. Vielleicht nicht gerade die Kreativität, aber die Kunst nährt sich meinem Empfinden nach ganz sicher aus einem neurotischen Dasein. Sie reagiert auf den Wunsch etwas auszudrücken, das man kaum aussprechen kann. So wie Schmerz und Leiden.

Die weiteren Gastspiele beim Festival

„Shortcuts“ des Balletts Augsburg morgen (20 Uhr) im Zelt, ausverkauft.

Mit „Hasa donde?“ und „Free Fall“ gastiert die Compañia Sharon Fridman aus Madrid am Donnerstag (19 Uhr) 20 Minuten bei freiem Eintritt vor dem Ulmer Zelt und zum Abschluss am Sonntag (20 Uhr) im Roxy.

„Grand Finale“ zeigt Hofesh Shechters Company am Samstag, 19 Uhr, im Theater Ulm. www.ulmmoves.de

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