Literatur „Schreiben zu können ist für das Paradies“

Ulm / Beate Schümann 13.10.2018

Herr Kikodze, Sie sind 1972 geboren, also während der Sowjetdiktatur. Meinungsfreiheit wurde unterdrückt. Was hat Sie zum Schreiben gebracht?

Archil Kikodze: Man muss das tun, wofür man brennt – zu jeder Zeit, auch in einer schrecklichen. Meine Eltern waren Wissenschaftler, in der Familie waren wir daran gewöhnt, unsere Meinung frei zu äußern. Das hat mich geprägt, und heute ist es öffentlich möglich. Als ich 21 Jahre alt war, fing ich mit dem Schreiben an, also nach der Sowjetperiode. Es sind dann vor allem Short Stories, Essays, Novellen und Romane entstanden.

Ist es schwer, in Georgien berühmt zu werden?

Insgesamt habe ich sieben Bücher geschrieben und mehrere Literaturpreise erhalten. Der Durchbruch kam aber erst 2016 mit „Der Südelefant“. Jetzt werden auch meine vorherigen Bücher gelesen. Für mich ist es das Paradies, schreiben zu können. Allerdings kann kein georgischer Autor davon leben. Mein Geld verdiene ich als Reiseführer, Fotograf, Filmer und Schauspieler.

Georgiens Vergangenheit hat etwas Labyrinthisches, in dem sich Sackgassen, aber auch hoffnungsvolle Wege auftun wie jetzt. Wo finden Sie Ihre Themen?

Im „Südelefanten“ lässt ein Tiflis-Flaneur sein Leben Revue passieren. Es geht um die Erinnerungen an vergangene Zeiten, um aufgeladene Schuld, den Schmerz darüber, die Fähigkeit, sich selbst vergeben zu können, und die große Frage, was man tun kann, um sich zu ändern. Meine Generation hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Nach dem Kollaps der Sowjetunion war das Leben sehr hart. Georgien war wie ein Potemkinsches Dorf, nur viel größer (lacht). Heute weiß man noch nicht genau, wie es weitergeht. Aber es gibt schlimmere Orte in der Welt (lacht). Unsere Gesellschaft ist offener geworden, das ist gut.

Möchten Sie die Welt verändern?

Nein, ich bin kein Weltverbesserer. Ich bin auch kein politischer Autor. Aber Politik spielt natürlich immer irgendwie eine Rolle. Das lässt sich kaum vermeiden, weil unser Alltag zu sehr darin verwickelt ist. Meine Bücher sind realistisch, oder besser: surrealistisch. Denn Georgien ist ein surrealistisches Land. Es passieren viele unlogische Dinge.

Was erwarten Sie von der Frankfurter Buchmesse?

Erfolg. Das wollen wir doch alle (lacht). Nein, so weit wird es nicht kommen. Viel wichtiger sind mir der Austausch mit anderen Autoren und der Kontakt zur Literatur anderer Länder. Zur Buchmesse werden zwei meiner Bücher ins Deutsche übersetzt. Für die georgische Literatur ist Frankfurt das Beste, was seit der Unabhängigkeit von 1991 passieren konnte.

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