Salzburger Festspiele „Salome“ mit herausragender Titelheldin

Die großartige Asmik Grigorian als Salome: nicht mit dem Kopf, sondern einem kopflosen Körper.
Die großartige Asmik Grigorian als Salome: nicht mit dem Kopf, sondern einem kopflosen Körper. © Foto: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz
Salzburg / Jürgen Kanold 30.07.2018

Du siehst sie zu viel an. Es ist gefährlich, Menschen auf diese Art anzusehen. Schreckliches kann geschehen.“ Diese Warnung richtet sich natürlich an keine Zaungäste, nicht an Klatschsüchtige, Promi-Gaffer und Paparazzi, die im Festspielbezirk am Mönchsberg gar nicht genug kriegen können und auf Tobias Moretti, Roberto Blanco, Iris Berben, Richard Lugner und all die Reichen und Aufgetaktelten warten. Oder auch auf ihren Kanzler Sebastian Kurz samt Freundin und Brexit-Premier Theresa May als Staatsgast. Glitzer und Glamour gehören in Salzburg dazu, auch auf der Bühne: Eine Million Swarowski-Kristalle sollen die Kostüme der „Zauberflöte“ zieren.

Doch es geht jetzt um die schöne, aber auch verletzte, missbrauchte, hilflos kranke Königstochter Salome. „Du siehst sie zu viel an“: So warnt ein Page in der Oper von Richard Strauss den Hauptmann Narraboth, der sich nach der Prinzessin verzehrt. Der italienische Regisseur Romeo Castellucci sieht „Salome“ in seiner mit Spannung erwarteten Inszenierung überhaupt als eine „Tragödie der Blicke“.

Castellucci bietet deshalb in der Felsenreitschule, deren Arkaden er täuschend echt geschlossen hat, Kunst fürs Auge: Symbole, Elementares und Rätselhaftes, diverse Assoziationsketten und auch eine Choreografie, die mit Ritualen arbeitet, Aktionen wie einen Boxkampf einfriert. Gold auf spiegelnder Bühne, ein Wasserloch, ein Milchsee. Menschenleiber, in Plastik verpackt. Und auch ein leibhaftiges Pferd namens Gerrit, das aus dem Verließ des Jochanaan seinen Kopf steckt. Animalische Triebhaftigkeit.

Castellucci, der hoch ästhetische Theaterkünstler, erzählt damit kaum plane Handlung, er setzt Zeichen, er charakterisiert aber Figuren, schürt mit seinen Bildern Emotionen. Am eindrucksvollsten gelingt als Szene der berühmte Schleiertanz der Salome, der hier keiner ist: Auf der Riesenbühne steht nur ein goldener Sockel mit der Aufschrift „Saxa“ (Felsen), und darauf kniet nackt und gebunden Salome, tatsächlich wie in embryonaler Totenstarre. Dann fährt ein Fels-Quader aus dem Himmel herunter und scheint sie zu zermalmen und zu verschlingen. Es ist ein Verweigern jeglicher erotischer Seh-Lust, ein weiblicher Widerstandsakt. Diese Kunst-Performance klagt das Zurschaustellen der Salome an.

Sehen oder nicht sehen: Das Hören ist zudem der große Thrill dieser biblischen Oper von Richard Strauss nach dem Drama Oscar Wildes. Herodes lechzt danach, dass seine Stieftochter vor ihm tanzt, sich auszieht, und dafür wünscht sie sich von ihm den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan, um ihn zu küssen. Aber aus dem Orchestergraben tönt eine der expressivsten, glutvollsten, faszinierendsten Musiken aller Zeiten. Und es ist eine Perversion des Schönen, wenn die Oper das Publikum so berauscht, dass es sich selbst dabei am brutalen Geschehen ergötzt. Ein ewiger Skandal, gewiss.

Franz Welser-Möst und den wunderbaren Wiener Philharmoniker gelang in der Premiere am Samstagabend eine mitreißende Aufführung: angemessen fiebrig und nervös, aber vor allem klangmalerisch perfekt ausgeleuchtet und proportioniert; schwelgend, auch mit Attacke, nie schleppend. Traumhaft weiche Blechbläser und überhaupt ein Orchester, das kein Risiko scheute, die exponiertesten Stellen mit Verve und in voller Überzeugung anging und damit die Zuhörer überwältigte. Die Wiener Philharmoniker mit Weltklasse.

Das Sängerensemble mit John Daszak (Herodes), Anna Maria Chiuri (Herodias), Gábor Bretz (Jochanaan) und Julian Prégardien (Narraboth) überzeugte, aber herausragend sang die junge litauische Sopranistin Asmik Grigorian die Titelpartie: so unschuldig wie mächtig sich in die Emotionen stürzend. Keine reife, hochdramatische Stimme mit allen Härten, sondern eine Sängerin, die als Salome noch staunend die Hölle erlebt.

„Es wird Schreckliches geschehn“, erfeiert sich Herodes: Den Kopf des Jochanaan aber küsst Salome in Castelluccis Inszenierung dann auch nicht. Sie liebkost vielmehr einen schmutzigen, kopflosen, skulpturalen  Körper und einen Pferdeschädel. Es ist wieder ein surreales Spiel mit den traumatischen Objekten, dem hässlichen Verlangen nach Befriedigung.

Eine kurzer Moment des Schweigens, dann großer Festspieljubel, vor allem für Asmik Grigorian. „Du siehst sie zu viel an?“ Wer nach der Premiere noch einmal reinschaute ins Fernsehen, wo der ORF am Premierenabend die „Salome“ zeitversetzt aus­strahlte, war angesichts der Nahaufnahmen noch hingerissener von der Sängerin: wie sie so intensiv, selbstvergessen, großartig die junge Frau spielt, die nicht weiß, wie ihr geschieht – das Opfer der Blicke und des Begehrens.

Info Auf 3sat ist die Salzburger „Salome“ am 11. August, 20.15 Uhr, noch einmal im Fernsehen zu sehen..

„Zauberflöte“ zwischen Zirkus und Schlachtfeld

Auftakt Tamino und Pamina auf den Schlachtfeldern und eine Königin der Nacht (gefeiert: Albina Shagimuratova) im Schützenpanzer: Die US-Regisseurin Lydia Steier erinnert in ihrer Neuinszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und stürzt das Publikum im Großen Festspielhaus in Ratlosigkeit. Auch musikalisch blieben Wünsche offen. Großen Applaus gab es für Constantinos Carydis am Pult der Wiener Philharmoniker. Bariton Matthias Goerne war als Sarastro eine krasse Fehlbesetzung, auch Mauro Peter als Tamino Adam Plachetka als Papageno vermochten nicht wirklich zu überzeugen. Begonnen hatte Steiers zwischen Witz und Tiefgang schwankende „Zauberflöte“ in einem großbürgerlichen Haushalt, in dem Papageno das Geflügel fürs Mittagessen zerlegt. Dann wandelte sich die Bühne in eine Art Hochregallager, ausstaffiert mit Zirkus- und Jahrmarktsmotiven. Eingebettet ist alles in eine betuliche Rahmenhandlung, in der Großmime Klaus Maria Brandauer als Märchenerzähler im Ohrensessel agiert. dpa

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