Salzburger Festspiele „Pique Dame“ mit den Altmeistern

Im Zentrum: Hanna Schwarz als Gräfin.
Im Zentrum: Hanna Schwarz als Gräfin. © Foto: Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus
Salzburg / Otto Paul Burkhardt 07.08.2018

Ein echter Aufreger war das. 2001 hatte es Hans Neuenfels gewagt, die „Fledermaus“, das österreichische Nationalheiligtum, als Koks- und Sadomaso-Party zu zeigen. Nach 17 Jahren Salz­burg-Pause kehrt der heute 77-Jährige nun erstmals wieder nach Salzburg zurück – mit Tschaikowsky „Pique Dame“. Die setzt er vergleichsweise ruhig in Szene, aber im Detail durchaus gepfeffert. Weil zudem der 75-jährige Mariss Jansons am Pult der Wiener Philharmoniker mit viel Kraft und Feingefühl agierte, darf diese Produktion im zweiten Jahr des Intendanten Markus Hinterhäuser – auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde gesichtet – als Erfolg verbucht werden.

Neuenfels geht eher kühl zu Werke, mit milder Ironie, hie und da bissig, doch nicht ohne Empathie. Ohne Aktualitäts-Schnörkel erzählt er die Geschichte des Offiziers Hermann, der auf der Suche nach einem dubiosen Kartenspiel-Rezept das greifbare Liebesglück mit Lisa wegwirft. Neuenfels zeigt eine grauschwarze, eingemauert wirkende Adelsgesellschaft zu Zeiten des Zarenregimes. Kinder werden in mobilen Käfigen antransportiert, um dann an der  Leine zügig und alternativlos zu zackigen Militärs erzogen zu werden. Kein Wunder, dass Zarin Katharina nur noch als Popanz hereingerollt wird, vor dem sich das Jubelvolk bigott in den Staub wirft: hohl grinsendes Skelett mit grotesk langen, winkenden Knochenarmen.

Das Solistenteam? Durchwachsen bis famos. Hermann ist bei Brandon Jovanovich ein Außenseiter mit knallroter Uniform und halbnacktem Oberkörper, ein besessener Glückssucher, der mit herzzerreißenden Tenorklagen dauerwankelmütig über die Bühne taumelt. Die ihm zugeneigte Lisa, bei Evgenia Muraveva eine Sehnsuchtsgetriebene mit weichen, unklaren Sopranhöhen, flieht im letzten Moment aus der ihr zugedachten Rolle als Nachwuchsbeschafferin des reichen Fürsten Jelezki. Das Zentrum in Neuenfels‘ Lesart der Oper ist aber die geheimnisvolle Gräfin. Die knapp 75-jährige Bayreuth- und Met-Legende Hanna Schwarz verleiht dem Abend flirrende, atemberaubende Momente: Mit dunkler, fesselnder Stimme und schauspielerischer Grandezza tanzt sie in Slow Motion und gibt ihrem späteren Mörder Hermann das Geheimnis der Karten preis – in einer Art Todeskuss.

Mariss Jansons am Pult der Wiener Philharmoniker bildet das farbenreiche, vitale Gegengewicht zur Neuenfels’schen Coolness –  schmissig, dramatisch, vital, schmerzlich klagend und sehrend. Kurz, das Gespann aus dem Publikumsliebling Jansons und dem geläuterten Rückkehrer Neuenfels zeigt, wie es geht: handwerklich brillant, psychologisch fundiert und spannend obendrein. Viel Beifall für alle, ein paar wenige verschmerzbare Buhs für die Regie.

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