Festspiele „Penthesilea“: Liebeskriegsspiel als Duett

Liebeskampf: Jens Harzer und Sandra Hüller.
Liebeskampf: Jens Harzer und Sandra Hüller. © Foto: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus
Salzburg / Jürgen Kanold 31.07.2018

Salzburg. Kaum hat sich Salome danach verzehrt, den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan zu küssen, gehen Penthesilea und Achilles wüst aufeinander los: „Küsse, Bisse, das reimt sich . . .“ Es sind tatsächlich Werke der Leidenschaft, ja der Ekstase, die in diesem Jahr die Salzburger Festspiele prägen. Am Tag nach der umjubelten Strauss-Oper hatte Heinrich von Kleists „Penthesilea“ als erste Schauspiel-Inszenierung im Landestheater Premiere.

Zwei Krieger treten gegeneinander an: Achilles, der Griechen-Held vor Troja. Und Penthesilea, die Amazonen-Königin, die einen Mann besiegen muss, der im Frauenstaat dann als Samenspender dient. Jeder verfolgt, jeder rettet jeden – es ist die gnadenlose Liebe. Wer unterwirft sich wem? Achilles, der Penthesilea zunächst verwundet, ist dazu bereit, um ihren Regeln zu genügen, aber als er sie deshalb erneut zum Kampf herausfordert, fühlt sie sich betrogen und fällt mit ihren Hunden im Blutrausch über ihn her; sie selbst zerfleischt ihm die Brust. Dann tötet sie sich.

Kampf mit Worten

Eine unfassbare Geschichte, nichts Menschliches ist ihr fremd. So gefühlsgeladen wie traumatisch. Aber wie die Rollen in diesem Liebeskriegsspiel der Geschlechter verteilt sind, ist nicht so klar. Johan Simons, der nach seiner Intendanten-Zeit bei den Münchner Kammerspielen  und der Ruhrtriennale jetzt ans Schauspielhaus Bochum geht, hat „Penthesilea“ als Koproduktion seines künftigen Hauses in Salzburg inszeniert. Aber nur als Duett, mit zwei Schauspielern, die auch mit den Worten anderer Figuren über sich, über Penthesilea und Achilles, reden – in Kleists Drama treffen die Protagonisten nur in einer Szene aufeinandertreffen.

Eine schwarze, leere Bühne, begrenzt nach vorn durch einen Lichtstreifen. Keine Requisiten, fast keine Geräusche, schon gar keine Musik. Nur ein sehr körperliches Schauspiel. Sandra Hüller, deren Gesicht sich seit ihrer Rolle als Tochter in Maren Ades Spielfilm „Toni Erdmann“ tief eingeprägt hat, und Jens Harzer spielen Penthesilea und Achilles: nackt bis schwarz gekleidet. Es ist virtuose Sprech-Oper, jedes Wort auf Sinn und Wirkung abgeklopft – was in seiner Kunsthaftigkeit auch mal ermüdet.  Jens Harzer hat eher das männlich brünftige Pathos drauf, Sandra Hüller bricht im pubertär-mädchenhaften Ton das Drama in umgangssprachliche Natürlichkeit auf. Irre, was die beiden zeigen. Die Abstraktion jedoch macht es dem Zuschauer nicht leicht. Es ist ein fordernder, aber lohnender Abend.

Nach zwei Stunden ist alles vorbei. Es könnte aber von vorne beginnen, weil auf dem Spielfeld, das ein Schlachtfeld der Sprache war, nichts entschieden worden ist. Die letzten Sätze sind quicklebendig: Zwei Menschen, hastig, offen, lässig sich auf der Bühne sich begegnend: „Wer bist du wunderbares Weib?“ „Du wirst es schon erfahren“, lacht Sandra Hüller zurück. Großer Applaus.

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