Geteilte Meinungen zur Pause: "Das ist mir alles viel zu statisch", heißt es. Nebenan frohlockt jemand: "Endlich mal wieder gutes Theater!" Was war passiert? Der Autor John von Düffel hat vier antike Tragödien zu einem Gesamt-Drama verdichtet: Euripides' "Die Troerinnen" und "Orestes", Sophokles' "Elektra" und Aischylos' "Die Totenweihe". Regisseur Stephan Kimmig hat diesen gewaltigen Wurf unter dem Titel "Orest. Elektra. Frauen von Troja" nun im Schauspielhaus Stuttgart inszeniert - gerafft, aber Wort für Wort.

Nun kann derlei Präzision - drei Stunden Antike auf hohem Kothurn - todlangweilig werden. Doch Düffels Bearbeitung hat den edlen Ton verständlich übersetzt, und der in Stuttgart aufgewachsene Regisseur Stephan Kimmig bringt das Ganze so auf die Bühne, dass es packt. Es geht um Kriege, um die Folgen der Kriege. Kassandra sagt es so: "Das hört niemals auf. Nie."

Die Bühne (Katja Haß) ist ein Achteck, eine Art Theater. Und mittendrin ragt ein riesiger Mast in die Höhe, der Rest eines abgetakelten Schiffs, Symbol für die Zeit nach dem Krieg. Wo sind wir? Ein Kind auf Großvideo klärt uns vorab auf: "Im Land der Gewinner: in Griechenland." Von da an gibt es keine subtilen Textbezüge zur Gegenwart mehr. Es wird "nur noch" Theater gespielt, kein Video, kein Regie-Gag, nichts. Aber wie!

Fünf Darstellerinnen, teils in mehreren Rollen, stemmen diese Textmassen - schon dies eine bemerkenswerte Leistung. Hekabe, die versklavte Königin von Troja, und Kassandra, ihre Tochter, eröffnen mit einem wilden Hass-Tanz zu krachendem Trommeldonner aus dem Off. Astrid Meyerfeldts Hekabe kann den Namen ihrer griechischen Amtskollegin "Helena" (deren Entführung nach Troja den Krieg ausgelöst hat) nur ausspeiend artikulieren, krächzend, mit entmenschter Stimme. Und Svenja Liesaus Kassandra ist ein traumatisiertes Bündel, das alle weiteren Morde in diesem "Menschenschlachthaus" prophezeit. Astrid Meyerfeldt wird später als blutverschmierte Griechenkönigin Klytaimnestra ein Beil schwingen - und den von ihr gemeuchelten Gatten Agamemnon im Plastiksack entsorgen. Sie variiert virtuos Posen und Tonfälle, zwischen royaler Arroganz und bebendem Pathos, irrem Gekicher und einsamer Angst. Kurz vor ihrem Tod wird ihre Klytaimnestra den Doors-Song "Riders On The Storm" zitieren: "Sweet family will die, killer on the road."

Experten haben die Orestie oft als Übergang von mutter- zu vaterrechtlichen Strukturen beschrieben, als Wende vom Ritual zur Demokratie. Kimmigs Regie steht über diesen Fronten - in Stuttgart werden alle Rollen von Frauen gespielt. Orest etwa: Er ist bei Sandra Gerling ein Getriebener, ein zitterndes Kind, das nach dem Muttermord an Klytaimnestra klagt: "Mein Sieg ist so schwarz." Neben Elektra (verkeilt in ihrem Hass: Anja Schneider) überzeugt auch Birgit Unterwegers Helena, die sich als Krieger im Tarnanzug oder als betörende Schönheit geriert und kritische Distanz zu den griechischen Siegern wahrt: "Sie prahlen mit ihren Tempeln, ihren Göttern und Künsten; doch barbarischer hat kein Feind je gemordet."

Kurzum: eine Tragödie. Kimmigs Regiesprache ist - man denke an seinen multimedial-exzessiven "Thyestes" (2002) - knapper, asketischer geworden. Jetzt, 2016, "Orest. Elektra. Frauen von Troja" - karg, sparsam, punktgenau und dennoch fesselnd, berührend, beklemmend.