Der Klang ist gespenstisch, fast schon überirdisch: Wenn Sebastian Reckert Glasharmonika spielt, fühlt sich das Publikum oft in andere Sphären versetzt. Derzeit ist der Münchner am Theater Ulm für die Oper „Lucia di Lammermoor“ engagiert. Und wenn der Wahnsinn aus Lucia spricht, ist es Reckert, der aus der berühmten Arie ein geradezu unheimliches Duett macht.

Sein Instrument besteht aus verschieden langen Glasröhren, die in einem hölzernen Korpus befestigt sind. Zum Klingen bringt er sie, indem er mit nassen Fingern über den Rand streicht. „Jeder hat das als Kind schon mal mit einem Weinglas ausprobiert“, sagt der 23-Jährige. Nach demselben Prinzip funktioniert die Glasharfe, nur wesentlich virtuoser: Ähnlich wie ein Pianist spielt Reckert sein Instrument beidhändig. Die Vorbereitung ist entscheidend: Nicht zu trocken, nicht zu fettig dürfen die Hände sein. Vor einem Auftritt verfolgt er darum eine feste Routine – Händeschütteln ist tabu.

Wie man dazu kommt, ein so ausgefallenes Instrument zu spielen? Die Anzahl der professionellen Glasharfe-Spieler weltweit lasse sich an zwei Händen abzählen, sagt Reckert. Für ihn hat sich diese Frage nie gestellt. War es doch sein Vater, der das Instrument Anfang der 1990er Jahre auf der Suche nach einem mystischen Klang wiederentdeckte. Seither baut er diese Instrumente, auch für seinen Sohn.

Erfunden worden war die Glasharfe im 18. Jahrhundert von Benjamin Franklin. Mit der Zeit sei sie in Vergessenheit geraten, sagt Reckert: Die früher verwendeten Glasschalen waren zu leise, um große Säle mit ihrem Klang zu füllen. „Mit Glasröhren statt Schalen klappt das aber.“

Unersetzlich für die Spannung

Seitdem Reckerts Vater das Instrument mit dieser Bauweise etabliert hat, kommt es auf den Bühnen auch zum Einsatz: Nachdem über Jahrzehnte hinweg eine Flöte die Glasharfe in „Lucia di Lammermoor“ ersetzt hatte, wird die Oper mittlerweile zumeist wieder – wie von Gaetano Donizetti angedacht – mit dem Glasinstrument aufgeführt.

Für das Werk sei das entscheidend, sagt Reckert. Erst im dritten Akt kommt er zum Einsatz. Lucia, deren Part in der Ulmer Inszenierung von Maryna Zubko gesungen wird, verliere während der Wahnsinnsarie buchstäblich den Verstand – und um das Übernatürliche musikalisch zu transportieren, sei die Glasharfe notwendig. Erst der ganz spezielle Klang des Instruments verleihe der Szene Spannung und bringe die Arie zur Geltung, sagt Reckert.

Damit das klappt, müsse zwischen ihm und der Sängerin eine Verbindung entstehen: „Es ist sehr emotional und ich muss wissen, was in diesem Moment in ihr vorgeht, um darauf reagieren zu können.“ Reckert ist sich sicher: Wer die sphärischen Klänge der Glasharfe erlebt hat, würde sich niemals für eine Flöte entscheiden.