Vor knapp 70 Jahren endete eines der größten deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg: die 872 Tage dauernde Blockade Leningrads, während der mehr als eine Million Menschen starben. Nun erscheint ein bewegendes Dokument dieser Zeit: In "Lenas Tagebuch" protokolliert die 16-jährige Lena Muchina die Blockade.

Lena Muchina wurde am 1924 in Ufa geboren. Anfang der 30er Jahre zog Lenas Mutter mit ihr nach Leningrad. Weil ihre Mutter schwer krank war, wuchs sie bei ihrer Tante Jelena auf, wo auch noch eine greise Freundin der Familie lebte. Die Männer waren abwesend, sowohl Lenas Vater wie Mama Lenas Mann. Die Wohnverhältnisse waren extrem beengt, die Drei lebten in einem einzigen kleinen Zimmer.

Das Mädchen begann ihr Tagebuch im Mai 1941, rund ein Monat, bevor die Wehrmacht Leningrad einkesselt, um die Zivilbevölkerung grausam auszuhungern. Doch das Buch fängt mit Einträgen typischer Gedanken einer 16-Jährigen an: Es geht um Schule, Prüfungen, Literatur, Freundinnen, Jungs, die erste Verliebtheit. . . Lena ahnt freilich: "Früher oder später wird es Krieg geben", doch blendet sie die ständige Gefahr aus. Die Situation wird dann aber immer dramatischer, bald gibt es nur noch den einzigen, alles beherrschenden Gedanken: etwas in den Magen zu bekommen, und sei es die Katze der Nachbarn. . .

Lena Muchina wird den Blockadewinter überstehen, später ein hartes Leben als Arbeiterin führen. 1991 wird sie, 66-jährig, vier Monate vor der Auflösung der Sowjetunion, in Moskau sterben.

Das Tagebuch wurde aber erst 2010 von russischen Wissenschaftlern im Nationalarchiv für Politisch-Historische Dokumente der Universität St. Petersburg entdeckt und erscheint nun europaweit. Ins Deutsche übersetzt wurde es von der Autorin Lena Gorelik, die 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland kam und deren Großmutter auch einst die Blockade überlebt hatte.

Frau Gorelik, haben Sie das "Tagebuch der Anne Frank" gelesen?

LENA GORELIK: Ja, und es hat mich sehr berührt. Damals muss ich etwa 13 Jahre alt gewesen sein.

Es wird behauptet, "Lenas Tagebuch" sei ein ähnlich wichtiges zeitgeschichtliches Dokument. Stimmen Sie dem zu?

GORELIK: Was die Art der Werke betrifft, schon. Beide wurden von literarisch ambitionierten Mädchen geschrieben, während die Menschen um sie herum mit dem Überleben kämpften. Inhaltlich stimmt der Vergleich nicht, denn die Blockade kann man natürlich nicht mit dem Holocaust gleichsetzen.

Erinnern Sie sich, wann Sie das erste Mal von der Blockade erfuhren?

GORELIK: Nicht genau, aber das Thema war irgendwie immer da. Auf Festen, Familienfeiern, aber auch bei Kleinigkeiten im Alltag, kam die Sprache darauf. Die Erzählungen und Schwarz-Weiß-Fotografien haben mich während meiner ganzen Kindheit begleitet.

Ging Ihnen das nicht auch mal auf die Nerven?

GORELIK: Nein. Ich wurde der Geschichten nie überdrüssig. Die Blockade war Legende, erfüllte uns mit Stolz und trieb uns zugleich Schauder über den Rücken. Wenn mir jedoch meine Großmutter mal wieder ein schlechtes Gewissen machte, war es nicht einfach.

Wann passierte das?

GORELIK: Wenn ich beim Essen mäkelig war und mich weigerte, das Brot aufzuessen, sagte sie: "Wir können kein Brot wegschmeißen! Weißt du, wie viel Brot wir während der Blockade bekamen?" Das wusste ich: Die Tagesration lag bei 125 Gramm. Vor allem der Hunger war also ein Synonym für die Blockade, neben Kälte, Angst, Qualen, Tod.

Wurde bei Ihnen zu Hause offen über diese Zeit gesprochen?

GORELIK: Ja, da man als Petersburger sehr stolz darauf war und ist, was man geschafft hat. Nämlich: die Deutschen nicht durchzulassen, durchzuhalten, zu überleben. Die Blockade gehört zur Selbstdefinition eines Petersburgers. "Heldenstadt" Leningrad heißt es auch heute noch auf dem Obelisk im Zentrum von Sankt Petersburg. Wir waren Leningrader: Enkelkinder von Helden.

Spürten Sie diesen Stolz auch später noch?

GORELIK: Er ist irgendwo auf dem Weg nach Deutschland verloren gegangen. Manche uns von der Propaganda eingepflanzten Vorstellungen, historische Halb- und Unwahrheiten, wurden zurechtgerückt, vieles vergessen.

Doch dann tauchte das Tagebuch von Lena Muchina auf.

GORELIK: Ja, und wie! Im Sommer vergangenen Jahres rief mich die Verlegerin Tanja Graf an und meinte, sie hätte da ein Manuskript, ob ich es lesen würde? Es sei ziemlich dringend. Da dieses Gespräch an einem Freitagabend stattfand, hielt sich meine Begeisterung zunächst in Grenzen. Als ich aber erfuhr, um was es ging, war ich sofort neugierig. Gleich nach dem Aufstehen am Samstag begann ich mit dem Tagebuch und konnte es nicht aus der Hand legen. Bis zum Abend war ich durch. Und alles war plötzlich wieder da: die Legende, der Hunger, die Helden, der Stolz, der Schauder, das schlechte Gewissen. Aber nun hatte das schlechte Gewissen einen anderen Grund: Es ging nicht ums Brot, sondern darum, dass die Blockade in meiner Erinnerung verblasst war, dass ich vergessen hatte, was meine Familie durchlebt hatte, aus welcher Stadt ich stammte.

Was hat Sie beim Lesen besonders berührt?

GORELIK: Die Ehrlichkeit. Dieses Tagebuch versucht nicht, objektiv Geschichte zu beschreiben oder sie zu erklären. Es ist das Tagebuch eines jungen Mädchens, das von Liebe träumt und von einer glänzenden Zukunft. Ein paar Seiten später geht es nur noch ums blanke Überleben, um Hunger, Hunger, Hunger. Lena verliert alles, alle Menschen, die ihr etwas bedeuten. Und weil das alles eben ein Mädchen, das fast noch ein Kind ist, schreibt, berührt es einen so stark. Mich hat es aufgewühlt, und es ging mir sehr nahe.

Was kann "Lenas Tagebuch" heute bewirken?

GORELIK: Ich glaube, dass es zunächst einmal den Bildungshorizont erweitern kann. Die Blockade Leningrads ist ja in Deutschland nicht sonderlich bekannt. Das Besondere und Wirkungsvolle daran ist aber, dass es eben kein typisches Geschichtsbuch ist. Da steht nicht drüber: Jetzt musst du etwas lernen! Und genau deswegen berührt es mehr. Selbst wenn man sich nicht für Leningrad, Russland oder den Zweiten Weltkrieg interessiert, gibt es diese beeindruckende Geschichte von einem Mädchen, das einen Krieg erlebt.