Madrid "Kultur unter der Guillotine"

HUBERT KAHL, DPA 18.08.2012
Spaniens Kulturszene bangt: Zur Sparpolitik der Regierung müssen Veranstalter eine drastische Mehrwertsteuererhöhung verkraften.

Spaniens Kulturschaffende werfen ihrer Regierung vor, mit einer drastischen Steuererhöhung die Bürger von Kino-, Theater- oder Konzertbesuchen abzuhalten. Aufgrund der Schuldenkrise und auf Druck der EU-Partner hatte Ministerpräsident Mariano Rajoy entschieden, dass auf Eintrittskarten für kulturelle Veranstaltungen künftig der Spitzensatz der Mehrwertsteuer erhoben wird.

Die konservative Regierung denkt nicht daran, die Kulturszene bei ihrer Rotstiftpolitik zu verschonen. Gleich nach der Machtübernahme Ende 2011 schaffte sie das Kulturministerium ab und gliederte es in das Bildungsministerium ein. Im Haushalt 2012 kürzte sie die Ausgaben für die Kulturpolitik um 15 Prozent. Das Schlimmste sollte erst kommen. Im Juli beschloss die Regierung, die Mehrwertsteuer für Kino-, Theater- und Konzertkarten von 8 auf 21 Prozent hinaufzusetzen. "Die Kultur muss unter die Guillotine", titelte El País. Der Verband der Kultur-Unternehmer warnte, die Anhebung werde verheerende Folgen haben. Er legte eine Studie vor, die einen Rückgang der Besucherzahlen um 43 Millionen und den Bankrott von 20 Prozent der Unternehmen im Kulturbereich prognostizierte.

Am härtesten dürfte es die Filmbranche treffen, die ohnehin in einer heiklen Lage steckt: Die Produktion spanischer Filme ist im Vergleich zum Vorjahr auf weniger als die Hälfte gesunken, fast täglich schließen Kinosäle. "Die Branche wird sterben", sagt der Präsident der Filmakademie, Enrique González Macho. Die staatlichen Theater und Opernhäuser sind von der Steuererhöhung nicht betroffen, leiden aber unter den Einsparungen. In Madrid drohen die Mitarbeiter des "Teatro Real" mit Streiks, weil das Opernhaus Gehaltszahlungen von einer Million Euro zurückverlangt. Man hatte - mit Verspätung - festgestellt, dass die Gehaltssenkungen im öffentlichen Dienst auch für die Oper gelten. Dagegen steht das Prado-Museum gut da, es verfügt sogar über mehr Geld als im Vorjahr, weil die Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten und die Sponsorengelder gestiegen sind.

Der für Kultur zuständige Minister José Ignacio Wert findet das beispielhaft: "Wir wollen Sponsorenverträge und weniger eine Kultur der Subventionen."