Ja, der „Kirschgarten“. An diesem Klassiker über den Niedergang der russischen Adelsgesellschaft lässt sich zeigen, wie sich der Regie-Zeitgeist wandelt. In den 70ern galt die Figur des Studenten Trofimov, der visionäre Reden schwingt, als Vorbote der Revolution. Heute richtet sich der Fokus auf den Kaufmann Lopachin, der den unrentablen Kirschgarten abholzen lässt und als Bauland vermarktet: Am Berliner Gorki-Theater etwa ist Lopachin nicht mehr der Sohn eines Leibeigenen, sondern der Sohn eines türkischen Gemüsehändlers – das ist die Aufsteigergeschichte eines Migranten.

Und was macht Robert Borgmann im Stuttgarter Schauspielhaus? Er baut den „Kirschgarten“ um. Holt den letzten Akt, in dem das Gut schon verkauft ist, nach vorn. Und erzählt dann erst, wie es dazu kam. Was bringt’s? Will er mit diesem Spoiler-Effekt den Kunstgenuss verderben? Immerhin kann sich Borgmann so auf Ursachenforschung konzentrieren. Das tut er ausgiebig, dreieinhalb Stunden lang – auf einer meist weiß ausgeleuchteten, schiefen Ebene. Einem kahl-abstrakten Labor.

Manches erinnert an Michael Thalheimers Stuttgarter „Kirschgarten“ (2010), vor allem Elmar Roloff, der wie damals den greisen Diener Firs spielt – und heute, sieben Jahre später, ähnlich melancholisch vor sich hin brabbelt: „Sie haben mich vergessen. Macht nichts. Rumpelpumpel…“

Geradezu verzaubert wirkt der Beginn bei Borgmann, wenn alle Tschechow-Figuren still daliegen, schlafen – und ganz langsam zum Leben und Sprechen erweckt werden: von der Gutsbesitzerin Ranjewskaja, die bei Astrid Meyerfeldt wie eine Schlafwandlerin durch die Szene schwebt.

Fast ungekürzt

Ansonsten inszeniert Borgmann fast ungekürzt und wortgetreu. Manuel Harder gibt den Kaufmann Lopachin gehemmt bis explosiv, und Manolo Bertling zeigt, dass sein ewiger Student Trofimov große Reden schwingen kann („die Menschheit schreitet voran“), aber in der Liebe kläglich scheitert. Und so plappern, philosophieren, streiten und sehnen sich all die Gajews, Jepichodows, Anjas und Warjas solange weiter, bis irgendwann ein Arbeiter mit einer Axt die Szene kreuzt.

Borgmanns „Kirschgarten“ hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Das Aufzäumen vom Ende her hat wenig gebracht. Doch er erzählt den Niedergang einer brüchigen Gesellschaft präzise, abstrakt, ohne historische oder aktuelle Verweise und ohne flache Gags. Eher magisch-surreal, sanft komödiantisch. Nicht umwerfend, aber auch nicht schlecht. Am Ende: keine Buhs, langer Beifall.