Interview Al Di Meola: „Keine gute Zeit für Gitarristen“

Ulm / Helmut Pusch 18.05.2018
Er hat Generationen von Musikern beeinflusst. Jetzt kommt Al Di Meola wieder für einige Konzerte in kleiner Besetzung nach Deutschland.

Schneller, höher, weiter: Gitarristen sind sehr ehrgeizige Musiker. Als Al Di Meola 1977 sein Album „Elegant Gipsy“ veröffentlichte, kannte plötzlich jeder diesen Gitarristen, der so unfassbar schnell spielte: ein 23-jähriger Jazzmusiker, der sich bei der Band Chick Coreas seine ersten Sporen verdient hatte, dessen Spiel aber so gar nicht an Jazz erinnerte, dafür klang seine Gitarre zu aggressiv – zu rockig. Mehr als zwei Millionen Mal wurde dieses Instrumental-Album verkauft. Generationen von Gitarristen übten dessen Songs, fast alle vergeblich. Jetzt ist Al Di Meola auf Europa-Tournee und spielt auch im Südwesten. 

Mit „Elegant Gypsy“ haben Sie die Messlatte nach oben verlegt. Ist es eine Last, ständig der Maßstab für andere zu sein?

Al Di Meola: Damals habe ich das gar nicht so gesehen. Ich war ja gerade mal Anfang 20 und hatte eben damit begonnen, meinen eigenen Stil zu entwickeln. Ich war damals sehr dankbar dafür, dass ich mit Musikern wie Steve Gadd, Jan Hammer und Paco de Lucia arbeiten durfte. Allein damit war für mich schon ein Traum in Erfüllung gegangen. Dass das Album so viel Aufmerksamkeit bekam, hatte sicher auch damit zu tun, dass wir Jazz mit Rock, Latin und mit spanischen Elementen gemischt haben . . .

. . . und mit den wunderbaren Kompositionen. Was ist für Sie heute wichtiger, Gitarrist zu sein oder Komponist? Hat sich da was in den vergangenen Jahren geändert?

Ja, auch wenn die Leute es vielleicht nicht gemerkt haben, mir ist das Komponieren mittlerweile wichtiger.

Komponieren Sie auf der Gitarre oder auch mal fachfremd auf einem anderen Instrument?

Auf einem anderen Instrument zu schreiben, hat seinen ganz eigenen Reiz. Da macht man Sachen, die man auf seinem eigentlichen Instrument so nicht machen würde. Und das hat einen ganz eigenen Charme. Aber was auf dem Klavier gut klingt, wirkt auf der Gitarre vielleicht sehr trivial. Und ich spiele nun mal Gitarre, also schreibe ich auch auf ihr.

Ihre Technik ist ja auch sehr eigen. Sie schlagen jeden einzelnen Ton an, wie die Gipsy-Swing-Gitarristen, ihre Phrasierungen erinnern dagegen eher an Tango Nuevo. Wo kommt das alles her?

Grundsätzlich spiele ich sehr viele Synkopen. Dafür muss man ein gutes Timing haben und rhythmisch sehr sattelfest sein. Dass ich jeden Ton anschlage, kommt vielleicht von meiner Zusammenarbeit mit Chick Corea. Der muss auf dem Klavier ja auch jeden Ton anschlagen. Und wie viel er in jeden Anschlag hineinlegt, den Ton formt, das ist schon phänomenal.

Als Sie Ende der 70er Jahre auftauchten, war alles anders als bei anderen Jazz-Gitarristen. Da spielte einer eine Gibson Les Paul auf einem heftig angezerrten Verstärker, ein richtiges Rockbesteck. Heute sind Sie vor allem mit der Akustik-Gitarre unterwegs. Warum?

Das ist vor allem in Europa so. Das hat zwei Gründe: Die Europäer lieben den Klang der akustischen Gitarre, und mit einer akustischen Band ist man wesentlich kostengünstiger unterwegs, weil man nicht so viel Ausrüstung braucht. Der Vorteil: Mit einer kleineren Produktion kann man auch in kleineren Sälen spielen, muss also nicht in größere Hallen ausweichen, die akustisch nicht für Konzerte geeignet sind. Aber apropos elektrische Gitarre: Wir planen, im September ein Konzert mit der elektrischen Band im Circus Krone in München zu machen. Das ist allerdings noch nicht sicher.

Sie haben gesagt, dass „Opus“, ihr jüngstes Album, die erste Produktion sei, die Sie als glück­licher Mensch gemacht haben. Warum?

Beim Album davor steckte ich mitten in einer Scheidung. Das war kein Spaß. Und bei den Alben vorher hatte ich mich fürs Komponieren immer weggeschlossen. Ich dachte, das muss so sein, damit man kreativ wird. Auch keine tolle Sache, wenn man so isoliert lebt. Jetzt bei „Opus“ habe ich es anders gemacht. Meine Frau war da, meine kleine Tochter. Ich war mir am Anfang nicht so sicher, ob mir so überhaupt etwas einfällt, Aber es hat geklappt. Und ich bin sehr froh über das Album.

Und Sie haben auch eine neue Plattenfirma, eine deutsche.

Ja, die ist auch ein Glücksfall. Ich bin jetzt bei earmusic. Das sind echte Musikfans. Als sie Kontakt zu mir aufgenommen haben, habe ich ihnen sechs mögliche Projekte vorgestellt und gehofft, dass sie vielleicht eins oder zwei akzeptieren. Sie haben alle sechs genommen. Toll.

Eric Bazilian von den Hooters sagt immer, das deutsche Publikum sei das aufmerksamste. Stimmt das?

Der Mann hat Recht. Es macht unglaublich viel Spaß, in Deutschland auf Tournee zu sein, nicht nur wegen des Publikums: Alles ist ganz entspannt, weil einfach alles klappt. Man vereinbart etwas, und alle halten sich dran, das ist in anderen Ländern anders.

Als Sie anfingen, gab es keine Lehrer für E-Gitarre. Heute wird E-Gitarre nahezu an jeder Musikschule unterrichtet. Dabei sind in den aktuellen Pop-Hits kaum Gitarren zu hören. Ist die Zeit der Gitarrenhelden vorüber?

Das weiß ich nicht, Ich weiß nur, das ist keine gute Zeit für gute Gitarristen, die braucht man nicht für diesen Müll, der in den Charts ist.

Sie mögen den aktuellen Pop also nicht. Und Sie mögen auch nicht den Spruch, dass eine Note oft mehr sagt als ein ganzes Dutzend.

Ja, das sagen nur Gitarristen, die keine gute Technik haben. Gute Technik hält keinen davon ab, mal nur wenige Töne zu spielen. Aber wenn einer technisch schlecht spielt, dann hat es keinen Sinn, wenn er versucht, schneller zu spielen. Denn wenn er das tut, klingt es eben schlampig.

Drei Konzerte in Süddeutschland

Musiker Al Di Meola wurde 1954 in Jersey City geboren, studierte am Berklee College of Music in Boston. Den 19-Jährigen holte der Pianist Chick Corea in seine Band Return to Forever, zu der auch Stanley Clarke (Bass) und Schlagzeuger Lenny White gehörten. 1975 bekam die Band den Grammy für die „beste Jazz-Performance einer Gruppe“. 1977 ehrte ihn das Guitar Player Magazine als besten Jazz-Gitarristen. Di Meola war bis dato der jüngste Musiker, der diesen Titel verliehen bekam.

Konzerte Di Meola ist mit Fausto Beccalosi (Akkordeon) auf Europatournee, gastiert am 26. Mai in Saarlouis, am 27. Mai in Heidelberg und am 28. Mai in Ulm.

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