Als „Kulturbolschewist“ stand Ernst Krenek auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten. Er war das prominenteste Opfer der berüchtigten Ausstellung „Entartete Musik“: Das Plakat zeigt die Karikatur eines schwarzen Saxophonisten, der keine Blume am Revers trägt, sondern einen Judenstern. Es ist ein Verweis auf Kreneks 1927 in Leipzig uraufgeführte Oper „Jonny spielt auf“, die zum Sensationserfolg geriet: mit Neoromantik und Jazz, der „Negermusik“.

Krenek spürte schon 1934 in Österreich den langen Arm der Nazis. Die Wiener Staatsoper unter ihrem Direktor Clemens Krauss hatte 1931 einen historischen Stoff bei ihm bestellt: Er schrieb und komponierte „Karl V.“, aber unter dem Einfluss der sogenannten Heimwehr, so reichskonservativ wie antisemitisch, wurde die Uraufführung verhindert. Auch weil Krauss an seine Dirigentenkarriere im „Reich“ dachte und Krenek schnell fallen ließ: „eine Demonstration von erbärmlichem Zynismus“, wie der Komponist in seinen Erinnerungen „Im Atem der Zeit“ schrieb.

In seiner Abneigung gegen die „gewalttätige Eskalation“ des deutschen Nationalsozialismus und träumend von einem vereinigten Europa war Krenek auch mit „Karl V.“ in einer Zeitenwende gelandet. Es ist ein hoch spannendes „Bühnenwerk mit Musik“ über jenen aus Spanien stammenden deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg (1500-1558), in dessen Reich die Sonne nie unterging, der seine vielen Kriege finanzierte durch das mörderischen Ausbeuten der Neuen Welt, der aber an Martin Luther geriet, der die Reformation und die Spaltung Europas nicht aufhalten konnte und der als alter Mann vor den Trümmern seiner Politik stand. Er vermochte nicht, die Christenheit wieder zu einigen – hatte aber die Größe abzutreten.

Da setzt nun Kreneks Oper ein: Karl V., eine ambivalente, tragische Gestalt, legt vor einem jungen Mönch im Kloster seine Lebensbeichte ab. In Rückblenden befragt er sein Gewissen, muss er sich vor Gott und der Geschichte rechtfertigen. Krenek wiederum schildert, welche Gefahren einer Gesellschaft drohen, die sich in ideologische und religiöse Lager aufspaltet, die von inneren Kämpfen zerrissen wird, deren Menschen sich bedingungslos einem Heilsbringer unterwerfen. „Hörst du nicht die Trommeln geh‘n/ durch das ganze deutsche Land?/ Siehst du nicht die Fahne weh‘n/ näher schon dem Alpenrand?/ Freiheit, heilige Freiheit naht!/ Fort mit den Fremden, fort mit der Fron!/ Deutsche Freiheit sei unser Lohn“, singt der Chor der Landsknechte. Es ist gruselig.

Das komponierte Krenek in einem Österreich, in dem die Parteien sich bis aufs Messer bekämpften, während draußen die Nationalsozialisten erstarkten und den Anschluss vorbereiteten. 1938 erst kam die Oper, die mit einem unheilvollen Uhrenticken endet, mit einer Mahnung an die ablaufende Zeit, in Prag zur Uraufführung – kurv bevor die Deutschen einmarschierten, Krenek schon ins Exil geflüchtet war.

Das aber ist das Faszinierende an der Opernkunst: dass ein fast 90 Jahre altes Werk, das ein historisches Sujet verhandelt, trotzdem sehr aktuell sein kann – und musikalisch sehr heutig, live, den Zuschauer packt. „Wir aber wollen Deutsche sein, nicht Weltbürger!“, grölt der Chor. Der Verfall der Europäischen Union kommt einem dabei in den Sinn.

Wobei Carlus Padrissa von La Fura dels Baus mit Lita Cabellut (Bühne, Kostüme, Video) an der Bayerischen Staatsoper kein politisches Drama inszeniert, kein Lehrstück, sondern fast schon einen sich ans Publikum sich ranschmeißendn Bilderzauber. Und zwar elementarer Art: Die Bühne steht unter Wasser, eine Fontäne sprudelt, die Figuren agieren in Gummistiefeln, dazu Feuereffekte und natürlich vom Himmel herabhängende Menschen-Skulpturen, wie man das von den katalanischen Truppe kennt. Selbst über die Parkettreihen klettern Lemuren und flüstern „Wo ist das Gold?“ Das Jüngste Gericht à la Tizian und reichlich Fantasy. Viel zu sehen – als ob man die Zuschauer mit einem Spektakel ködern müsste, damit es die moderne Musik schluckt.

„Karl V.“ ist nämlich überraschend die erste Zwölfton-Oper der Geschichte neben Arnold Schönbergs unvollendetem Großwerk „Moses und Aron“: komponiert in der Reihentechnik, jenseits von Dur und Moll. Es ist aber eine hoch expressive, sehr wirkungsvolle Musik, und wenn das sensationelle Bayerische Staatsorchester unter Erik Nielsen die Partitur so perfekt wie emphatisch ausleuchtet, klingt das in völliger Selbstverständlichkeit ungemein emotional.

Dazu ein starkes Ensemble: Allen voran Bo Skovhus, der die Titelpartie weiß geschminkt, als von Uhren und Zahlen gezeichneter Außerirdischer mit goldkronenartigem Irokesenschnitt beeindruckend als Schmerzensmann singt. Diese Premiere im Münchner Nationaltheater stellte Kreneks fast unbekannte Oper überzeugend als ein Hauptwerk der Klassischen Moderne vor – umjubelt.

Erinnerungen „Im Atem der Zeit“


Der Komponist Ernst Krenek, 1900 in Wien geboren und gestorben 1991 in Palm Springs, war ein Schüler Franz Schrekers und auch mal ein Jahr verheiratet mit einer Tochter Alma Mahlers und sowieso tief verstrickt in die Moderne. „Im Atem der Zeit“ heißen seine Memoiren, verfasst in den 40er und 50er Jahren im Exil. Krenek erzählt  höchst eindrucksvoll von der Kultur Mitteleuropas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – „vor Einbruch der Barbarei“.