Irgendwann hat es ihm gereicht. Die vielen Mails konnte er einfach nicht mehr beantworten. Seine Arbeit litt darunter. Peter Stamms Roman "Agnes" ist seit diesem Jahr an beruflichen und von nächstem Jahr an allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg Sternchenthema. Der Autor wird deswegen mit Fragen von Abiturienten bombardiert. Auf seiner Homepage hat er jetzt ein Portal für Schüler und Lehrer eingerichtet, mit Quellenmaterial und Interpretationshilfen. Fragen beantwortet er nur noch bei Lesungen.

Für Stamm bedeutet die Auszeichnung "Sternchenthema" nicht bloß bessere Verkaufszahlen. Er empfindet es auch als produktiv, dass Schüler "Agnes" lesen: "Jugendliche sind noch nicht so verbildet", erklärt er, "die gehen anders an die Lektüre ran." Stamm hat aber auch festgestellt: "Schüler wollen Gewissheit." Und die bekommen sie bei ihm nicht. Eine der häufigsten Fragen sei, ob Agnes, eine der beiden Hauptpersonen, tatsächlich stirbt. Stamm lässt das im Roman offen: "Auf diese Frage eine Antwort zu finden, ist wie Ostereier suchen, die niemand versteckt hat." Er versuche, Schülern zu erklären, dass es mehrere Antworten gibt und dass man die Geschichte unterschiedlich interpretieren kann. Deswegen hat das Kultusministerium "Agnes" auch als Pflichtlektüre ausgewählt: Der Roman ist auf unterschiedliche Weise lesbar und bietet Prüfern viele Möglichkeiten für Fragen.

Am Dienstag las Stamm auf Einladung der Buchhandlung Jastram im Ulmer Kulturzentrum Roxy aus seinem neuen Buch "Nacht ist der Tag". Der Andrang war enorm. Die Veranstaltung musste kurzfristig in einen größeren Saal verlegt werden. Viele Abiturienten waren gekommen, um Stamm zu hören und ihm Fragen zu stellen. Ob es denn Parallelen zwischen "Agnes" und seinem neuen Roman gebe, wollte ein Schüler nach der Lesung wissen. "Ihr seid ja schon genug damit bestraft, dass ihr mein Buch mit Dantons Tod und Homo Faber vergleichen müsst", antwortete Stamm: Die Parallelen zu seinem neuen Roman sollen doch lieber andere suchen.