Schwetzingen "Ich will vermessen sein"

Proband trifft auf Testerin: Omar Ebrahim (vorne rechts) und Rosemary Hardy im miefigen Resopal-Bühnenbild der Oper "IQ". Foto: Monika Rittershaus
Proband trifft auf Testerin: Omar Ebrahim (vorne rechts) und Rosemary Hardy im miefigen Resopal-Bühnenbild der Oper "IQ". Foto: Monika Rittershaus
Schwetzingen / OTTO PAUL BURKHARDT 30.04.2012
"Arkadien klingt weiter". So heißt das Buch zum 60. Geburtstag der Schwetzinger SWR-Festspiele - trotz der Spardebatte. Das Treffen begann mit Enno Poppes neuer Oper "IQ". Ein extraschräger Intelligenztest.

"Der beste Spargel, der schönste Schlosspark, der heißeste Konzertsaal": So umreißt Top-Sopranistin Juliane Banse den Charme der Schwetzinger SWR-Festspiele. Konzertchef Peter Stieber erinnert gern an die Höhepunkte aus 60 Jahren Festivalgeschichte: an einen Auftritt des damals noch unbekannten Pianisten Lang Lang etwa, der beim Konzert so viel Ungestüm entwickelte, dass ein Klavierhocker zu Bruch ging.

"Arkadien klingt weiter", heißt das Geburtstagsbuch. Es liest sich heute wie ein trotziges Statement, denn bis 2020 will der SWR 166 Millionen Euro einsparen - besonders die erwogene Fusion der beiden SWR-Sinfonieorchester Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg stößt auf massiven Protest. Bernhard Hermann, SWR-Hörfunkdirektor und Festspielleiter, ließ sich beim Pressegespräch prompt entschuldigen - er sei in Freiburg, hieß es, führe Gespräche mit dem OB. Die Kürzungen beim Schwetzinger Festival, beruhigte Geschäftsführer Eberhard Stett, werden "kaum spürbar" sein: Bis 2020 dampfe der SWR den Zuschuss um jährlich 18 000 Euro ein.

Zum Auftakt gab es im Rokokotheater gar einen Intelligenztest, sprich: die Uraufführung der Oper "IQ" von Enno Poppe. Der 42-jährige Sauerländer gilt als Publikumsliebling der Neutöner-Szene. Sein Markenzeichen ist eine Art "Mikroskopie" der Klänge, seine Musik gleitet und schwimmt oft im mikrotonalen Bereich. Alles beginnt mit dem Auftritt der "Probanden", gespielt von den Musikern des Wiener Klangforums: Zögernd betreten sie die Bühne - einen miefigen Resopal-Raum mit Schulbänken, ollen Computern, enormem Kabelsalat und versiffter Kaffeeküche. Anna Viebrock (Regie und Bühne) inszeniert sehr skurril und aus der Zeit gefallen - ganz im Stil von Christoph Marthaler. Kurzum, es wird ein wunderlicher Test, bei dem die Probanden vor lauter Holzklötzchen und Zahlen bald nicht mehr wissen, wie sie heißen - und ob sie nicht nur als gemeine Laborratten dienen.

Das Libretto von Marcel Beyer formuliert die berechtigte Kritik an IQ-Tests, an deren Absurdität und an deren Nähe zu bedenklichen Menschenversuchen, überdeutlich. Der Chor singt "Sechzehn Mal vier gleich vierundsechzig", und die Probanden müssen dämliche Tonfolgen nachspielen. Die Solisten (vor allem Rosemary Hardy, Katja Kolm, Anna Hauf und Omar Ebrahim) agieren mit viel Temperament, Ausdruck und Doppelsinn ("Ich will vermessen sein"). Und mittendrin singt Anna Haufs Probandin sich den dreckigen Test-Blues von der Seele ("Ich stecke tief im Bochumer Matrizentest") - der stärkste Moment der ganzen Oper. Immerhin: Das Testpersonal lässt auch eine eher "testferne Begabung" gelten.

So endet alles in Poppes großem Finalchor - einer Melodie, die dazu auffordert, "die gewohnten Bahnen zu verlassen". Und die sich wie eine eingängige Widerstandshymne der Zwischentöne anhört: Mikrotonale Musik zum Mitsingen.