BURKHARD MEIER-GROLMAN  Uhr
Seit 1957 folgt Roman auf Roman, Erzählung auf Erzählung, Gedicht auf Gedicht. Die auf die Schilderung bürgerlicher Tragikomödien spezialisierte Schriftstellerin Gabriele Wohmann wird jetzt 80 Jahre alt.

Sie stellt hohe Ansprüche an sich und ihr Schreiben. Die Wirklichkeit sollte, wenn sie von einem Schriftsteller beschrieben wird, ihre Belanglosigkeit verlieren, ihre Verwechselbarkeit, ihre Austauschbarkeit. Es sollte, so erwartet sie es, aus dem Text etwas hervorgehen, was vorher nicht da war. Gabriele Wohmann, die am heutigen Montag 80 Jahre alt wird, holt das Grundgerüst für ihre Erzählungen aus ihrer nächsten Umgebung, auch Autobiografisches nutzt sie als Ausgangsmaterial, nur sollte es dann nicht beim platten Notieren und Aufzeichnen von Persönlichem bleiben, die Wohmann weiß schon, dass sie jeweils in ihren einzelnen literarischen Journalen eine besondere Meta-Ebene kreieren muss, die die Leserschaft interessiert und auch fasziniert und fesselt.

Eine Autorin, die 1957 ihre erste Erzählung "Ein unwiderstehlicher Mann" veröffentlicht und die bis heute weit über hundert Romane, Kurzgeschichten, Gedichtbände, Essays, Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehspiele veröffentlicht hat, ist ja eine Marathonläuferin, die an jedem Kilometerstein beklatscht und angefeuert werden will. Sie muss also über die Jahrzehnte hinweg eine spezielle Schreibtechnik entwickelt haben, die ihre Lyrik und Prosa weit über das Niveau gewöhnlicher Unterhaltungsliteratur hinaushebt. Der Wohmann gelingt dies, indem sie die menschlichen Befindlichkeiten rund um sie herum mit einer gehörigen Portion Penetranz genauestens beäugt und dann die neudeutsch oft als "Beziehungskisten" lächerlich gemachten Partnerschaften nach allen Regeln der psychoanalytischen Kunst auseinandernimmt und bis auf die Skelettknochen seziert.

Dabei wird die Wohmann ihre Protagonisten niemals denunziatorisch mies machen, sie gewinnt auch dem gröbsten Fehlverhalten noch irgendetwas Positives ab und ohne ironische Unter- oder Obertöne geht bei der Wohmann sowieso rein gar nichts. Der Leser soll diese bürgerlichen Tragikomödien, die sich abspielen, hautnah miterleben, er soll tüchtig mitleiden und mitfühlen, ja, es soll schon ein bisschen weh tun, aber er soll schon noch Distanz zur gerade stattgehabten Lektüre behalten, denn sonst fehlt ihm die Möglichkeit, die eigene Befindlichkeit im Gelesenen zu spiegeln.

Ilka Scheidgen, selbst Schriftstellerin und Publizistin, hat jetzt zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann die bisher einzige autorisierte Biographie der 1932 geborenen Darmstädterin vorgelegt, und der Untertitel dieses mit feinem Stift und sehr kontrastreich gezeichneten Porträts belegt auch gleich, was die Vielschreiberin Gabriele Wohmann zum weiteren Tun animiert, sie kann und wird nicht aufhören, sich für ihre Mitmenschen zu interessieren, und diese Erfahrungen will und wird sie dann auch festhalten und festschreiben. Der nächste Roman wird nicht lange auf sich warten lassen.

Info Ilka Scheidgen: Gabriele Wohmann. Ich muss neugierig bleiben. Verlag Ernst Kaufmann, 240 Seiten, 19.95 Euro.