Frau Peretyatko, Sie legen eine atemraubende Karriere hin. Sie singen an den größten Opernhäusern der Welt - und jetzt bei den Pfingstspielen Baden-Baden die Violetta in "La Traviata". Wie gelingt das?

OLGA PERETYATKO: Arbeiten, arbeiten! Positiv denken. Es ist auch ein bisschen so wie beim Abnehmen: weniger essen, mehr Bewegung. Das Schönste an meinem Beruf als Sängerin ist, dass es keinen Punkt gibt, wo man sagen kann: "Ich habe alles erreicht!"

Sie kommen aus St. Petersburg, einer traditionsreichen Weltstadt der Musik, warum haben Sie ausgerechnet in Berlin Gesang studiert?

PERETYATKO: Ich habe mich auf meiner allerersten Reise gleich in die Stadt verliebt! Und so schnell verlief meine Karriere ja nicht: Ich wurde in St. Petersburg zur Chorleiterin ausgebildet, fing erst mit 20 Jahren, also spät, zu singen an. Und dann Berlin: ohne Geld, fremde Sprache. Ich habe das Studentenleben an der Hochschule nicht verbummelt, ich war konzentriert, wusste, was für mich wichtig ist.

Was waren Ihre ersten musikalischen Erlebnisse noch in der Heimat, in St.Petersburg?

PERETYATKO: Mit drei oder vier Jahren habe ich schon die Walpurgisnacht in Gounods "Faust" erlebt war begeistert. Später war ich im Kinderchor des Mariinsky-Theaters. Mein Papa singt dort noch heute im Chor. Er hat als Solist angefangen, dann wurde ich geboren, er musste Geld verdienen. Ich mache meine Karriere für zwei. Natürlich ist mein Papa stolz auf mich, er schreibt mir auch, wenn er mich im Radio gehört hat. Er ist mein schärfster Kritiker - aber nein, das bin ich selbst.

Sie waren von 2005 bis 2007 Mitglied im Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper, wollten dann aber in kein festes Ensemble?

PERETYATKO: Ich habe in Hamburg alles gesungen und dann verstanden, wie der Betrieb funktioniert. Morgens um zehn Mozart, abends Wagner, das ist nichts für mich. Ich will lieber frei sein. Es kamen dann viele wichtige Stationen, zum Beispiel 2007 auch die Hauptrolle der Desdemona beim Rossini-Festival in Pesaro. Nein, es war kein kometenhafter Aufstieg, sondern eigentlich ein langer, logischer Weg als Sängerin.

Und jetzt die Violetta in Baden-Baden, in der von Rolando Villazón inszenierten "Traviata". Das Deutschland-Debüt in Ihrer Lieblingspartie?

PERETYATKO: Die Violetta hatte ich schon einmal vor Jahren angeboten bekommen. Aber für diese Partie muss nicht nur die Stimme reifen. Meine Oma starb vor einem Jahr, das war schlimm, und ich war dabei. Wenn ich jetzt in "La Traviata" die atemlose, sterbende Violetta singe . . . Den Tod der Violetta kann ich begreifen. Andererseits war Giuseppe Verdi genial, er hat so bequem für die Sänger komponiert und an alles gedacht, du musst nur tun, was in den Noten steht.

Apropos Noten - was erwarten Sie von einem Regisseur?

PERETYATKO: Was auf der Bühne passiert, muss Sinn machen. Wenn ein Regisseur mich überzeugt, bin ich für vieles bereit. Aber wenn ich nicht an die Inszenierung glaube, dann glaubt auch kein Zuschauer an das, was ich auf der Bühne mache. Und dann bin ich die Dumme, nicht der Regisseur.

Die Erwartungen sind enorm. Spüren Sie Stress, wenn Sie auf der großen Opernbühne stehen?

PERETYATKO: Natürlich. Aber man muss die Angst vergessen, was leichter gesagt ist als getan. Yoga hilft. Aber egal, ob du nun vor 17 000 Menschen in der Arena von Verona singst, vor 4000 in der New Yorker Metropolitan Opera, vor 2300 in der Wiener Staatsoper oder vor 100 Leuten in einem Kammermusiksaal - du musst alles geben, und entscheidend ist immer, dass die Gesangstechnik stimmt.

Sie haben nicht das Gefühl, dass die Oper als eine Kunstform von vorgestern vergreist?

PERETYATKO: Überhaupt nicht. Aber wir müssen die Oper immer wieder neu beleben. Lady Gaga macht heute mit ihrer Performance ungefähr so viel Sensation wie früher eine Primadonna, die mit den Wahnsinnsarien der Lucia di Lammermoor auftrat. Das Publikum erlebte das, was es nicht aus seinem Alltag kannte: das Außergewöhnliche. Oper darf kein Museum sein. Wir müssen die Musik zum Leben bringen: live.

Sie sind mit dem Dirigenten Michele Mariotti verheiratet. Wer gibt zu Hause den Takt an?

PERETYATKO: Also auf der Bühne lasse ich mich von meinem Mann sehr gerne dirigieren. Bei uns geht's ungefähr so zu: Als mir die Met in New York den Vertrag für die Elvira in Bellinis "I Puritani" zuschickte und ich das Michele mit großer Freude erzählte, entgegnete er mir: "Im April 2013? Toll, dann treffen wir uns, ich stehe am Pult."

Das ist das Schicksal einer Ehe von Opernstars . . .

PERETYATKO: Ich kaufe mir manchmal eine Kino-Karte, um meinen Mann zu sehen (lacht). Michele dirigierte an der Met Aufführungen von "La Donna del Lago" und "Barbiere di Sevilla", die weltweit live übertragen wurden.

Was ist eigentlich eine Diva?

PERETYATKO: Keine Ahnung. Die Leute können mich nennen, wie sie wollen, Hauptsache, mein Name steht in keinem Nachruf. Diva? Klingt nach Zicke, aber es geht ja um die Primadonna, also um die Sängerin, die die Hauptpartie singt. Nein, das Ensemble ist meine Familie, wir müssen während der Proben wochenlang ein gemeinsames Leben führen, da muss alles zusammenpassen.

Welche Ziele setzen Sie sich?

PERETYATKO: Was ich immer wollte, das tue ich: Singen und reisen. Ich lebe in meinem Traum.

Opernstar aus St. Petersburg

Festspiele "La Traviata" mit Olga Peretyatko in der Titelpartie hat bei den Pfingstfestspielen Baden-Baden am 22. Mai Premiere (weitere Aufführungen am 25. und 29. Mai). Regie führt Rolando Villazón, es dirigiert Pablo Heras-Casado.

Biografie Olga Peretyatko, 1980 in St. Petersburg geboren, tritt in dieser Saison auch an der Wiener Staatsoper ("I Puritani"), der Mailänder Scala (Rossinis "Otello") und an der Metropolitan Opera in New York ("Rigoletto") auf. In diesem Jahr wird nach "La Bellezza del Canto" und "Arabesque" die dritte CD der Sängerin bei Sony Classical erscheinen: "Via Rossini". Die Sopranistin studierte Gesang in Berlin - weshalb sie ganz gut und schlagfertig Deutsch spricht, wie beim Interview in Stuttgart zu erleben war.

SWP