Ulm kennen sie in Paris. Zumindest die patriotischen Franzosen. Im Invalidendom etwa, am pompösen Grab Napoleon Bonapartes, sind die siegreichen Schlachten in Marmor eingraviert: Elchingen, Ulm, Austerlitz. Das war 1805. In der Opéra national de Paris aber hat Ulm seit Jahren aktuell einen guten Klang, im wahrsten Sinne, unkriegerisch. Denn Philippe Jordan, der Musikdirektor, begründete seine Weltkarriere an der Donau. Oder wie es in der offiziellen Biografie heißt: „Philippe Jordan a commencé sa carrière comme Kapellmeister au Stadttheater d’Ulm.“

Mit seinen 42 Jahren wirkt Jordan noch immer erstaunlich jugendlich; lässige Turnschuhe statt Maestro-Gehabe. Jordan hat an den berühmten Opernhäuser dirigiert, von der Scala bis zur Met, er ist auch Chef der Wiener Symphoniker. Im Sommer nächsten Jahres leitet er in Bayreuth die Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. An einem trüben Novemberabend sitzt er in seinem Büro in der Opéra Bastille, dem modernen Opernhaus in der französischen Hauptstadt neben dem Palais Garnier, und spricht über seine Arbeit in Paris und die Vorbereitungen auf Bayreuth, fragt im Gespräch mit unserer Zeitung seinerseits aber mit großem Interesse nach Neuigkeiten aus Ulm.

Mit 19 fing er an

Mit gerade mal 19 war der Schweizer als Korrepetitor ans Haus am Karajan-Platz gekommen, zwei Jahre später beförderte der damalige Intendant Ansgar Haag das Riesentalent zum 1. Kapellmeister – mit 21 Jahren war Jordan damals, 1996, so jung wie einst Herbert von Karajan in dieser Position. 1999 leitete Jordan in Ulm seine letzte Premiere, „Hoffmanns Erzählungen“, da hatte ihn schon Daniel Barenboim als Assistenten an die Berliner Staatsoper geholt. Herzliche Grüße gibt der Pariser Musikdirektor an Hans-Günther Dotzauer mit auf den Weg, das einzige verbliebene Ulmer Ensemblemitglied aus seiner Zeit. Der  Tenor sang damals im „Hoffmann“ die Titelpartie.

Herr Jordan, wie wichtig waren die fünf Ulmer Jahre für Sie?

Philippe Jordan: Das war die prägende Zeit. Ich könnte heute nicht hier sein ohne die Jahre am Theater in Ulm, wo ich als Korrepetitor und Kapellmeister anfing, das Handwerk lernte. Ich habe alles gemacht, Kinderkonzerte, Musical, Operette und vieles mehr. Das war die Basis.

Vom kleinen Stadttheater zu den größten Häusern, man bezeichnet diesen Weg gerne auch uncharmant als „Ochsentour“.

Wenn Studenten mich um Rat fragen, sage ich: Geht ans Theater, fangt dort an als Korrepetitor, erarbeitet mit den Sängern am Klavier die Partien . . . Aber das wollen viele nicht hören. Sie nehmen lieber teil an prominenten Dirigentenwettbewerben, sie konzertieren schnell mit großen Mahler- oder Schostakowitsch-Sinfonien, manche sind brillant – dann gehen sie in den Orchestergraben und kriegen keine „Fledermaus“-Ouvertüre hin.

In Ulm glänzten Sie auch als Pianist. Der Pariser Spielplan kündigt einen Liederabend  mit Starsopranistin Joyce DiDonato an, mit Ihnen als Begleiter?

Ich mache das sehr gern. Es ist wichtig, dass man auch mal für seine eigenen Töne verantwortlich ist und nicht nur abhängig vom Orchester.

Ihre letzte Premiere in Ulm war „Hoffmanns Erzählungen“, im Mai 1999. Jetzt haben Sie diese wunderbare Offenbach-Oper in Paris  aufgeführt – sind Erinnerungen aufgekommen?

Ich habe dieses faszinierende Stück seither nie mehr dirigiert, ja ich habe es gemieden, weil es wirklich sehr schwer ist. Man hört alles, was nicht funktioniert. Und wenn’s klappt, wird das für selbstverständlich genommen. Aber jetzt sollte in Paris Jonas Kaufmann die Titelpartie singen, also habe ich nachgegeben. Erinnerungen? Wir machten das in Ulm in deutscher Sprache, jetzt dachte ich, die Melodien, die habe ich im Ohr, aber sonst? Doch dann ist unbewusst alles wieder präsent gewesen, ganz komisch, trotz der französischer Partitur. Ich wusste wieder, wo die heiklen Stellen waren,  wo ich auf aufpassen musste, wo die Sänger ins Stolpern kommen könnten.

Mit Ihrem Pariser Orchester ist französische Oper ein Genuss, ob „Les Contes d’Hoffmann“ oder „Samson et Dalila“.

Die Musiker sind mit diesem Klang aufgewachsen. Mit deutschen Orchestern ist französische Musik immer anstrengend, egal, wie gut sie spielen: Oft halten sie die französische Musik für zweitklassig. Man muss irrsinnig viel arbeiten, weil die Musik leicht, elegant, geschmeidig klingen soll. Mit Wagner ist es hier in Frankreich andersherum. Wobei das ein Klischee ist, Wagner gar nicht diesen schweren deutschen Klang haben muss.

Das können Sie bald in Bayreuth beweisen.

Ja, aber man hat mir  mit den „Meistersingern von Nürnberg“ ausgerechnet das schwerste, tückischste Stück angeboten. Es ist wirklich nicht für den mystischen Graben komponiert worden. Im Gegenteil: Nichts darf verschwimmen, alles muss klar, transparent sein, die kontrapunktische Musik wie ein Schweizer Uhrwerk laufen.

Die ganze Welt wird auf die Bayreuther Festspielpremiere schauen, der Erwartungsdruck könnte nicht höher sein.

 Natürlich gehe ich mit großem Respekt an die Aufgabe heran. Aber das war schon 2012 beim „Parsifal“ so. In der ersten Probe weiß man nicht, wie oft das Telefon klingt. Nichts passierte, ich wurde selbstsicher, dann läutete es dauernd . . .

Das Telefon?

Die Assistenten sitzen im Saal und melden zurück, wie es klingt. Das, was man in Bayreuth im verdeckten Graben dirigiert und hört, ist nicht das, was in den Zuschauerreihen ankommt. Es ist dort auch wichtig, viele Proben und Aufführungen von den Kollegen zu erleben. Man muss als Dirigent die Musik für den Raum übersetzen.

Und dann redet der Bayreuther Musikdirektor Christian Thielemann noch mit?

Wir haben uns letztes Jahr kurz nach dem Eklat um Andris Nelsons zufällig in Dresden gesehen und über alles gesprochen. Ich gehe davon aus, dass wir keine Probleme haben. Ratschläge nehme ich gerne an. Aber was alles passieren kann, weiß ich nicht. Ich versuche, es so gut wie möglich zu machen. Mehr geht nicht. Gott sei Dank habe ich die „Meistersinger“ schon diirigiert,  in Zürich und Paris.

Die „Meistersinger“ sind auch ein politisch belastetes Stück, mit dem Vorspiel eröffneten die Nationalsozialisten ihre Reichsparteitage.

Das Werk wird sehr missverstanden. Es ist eine Komödie. Ich halte die „Meistersinger von Nürnberg“ überhaupt für eine der besten Komödien im deutschen Theater, auf einer Höhe mit Lessings „Minna von Barnhelm“ und Kleists „Zerbrochnem Krug“. Es ist der beste Text Wagners, mit einem gewitzten Reim. Aber warum muss man die Ouvertüre immer Fortissimo reindonnern, wenn nur „Forte“ in der Partitur steht?. Das wird viel Arbeit machen. Es geht nicht um den Helden und Götter, sondern um Menschen.


Zur Person: Philippe Jordan wurde 1974 in Zürich geboren, als Sohn des Dirigenten Armin Jordan. Er studierte an der Zürcher Musikhochschule und trat 1994 sein erstes festes Engagement am Ulmer Theater an unter GMD James Allen Gähres. Jordan leitete unter anderem die Neuinszenierungen von „Hänsel und Gretel“ und „Jenufa“, dirigierte auf der Wilhelmsburg „Carmen“. Von 1998 bis 2002 war er Kapellmeister an der Berliner Staatsoper, danach Musikchef an der Grazer Oper. Seit der Spielzeit 2009/10 ist er musikalischer Direktor der Opéra National de Paris, wo er bis 2021 einen Vertrag hat. Seit  2014 ist Jordan zudem Chefdirigent der Wiener Symphoniker.

Beethoven-Sinfonien: Mit dem Orchestre de l’Opéra national de Paris leitet Jordan den besten Klangkörper Frankreichs – was auch eine neue, mitreißende DVD-Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien beweist (Arthaus). Die TV-Produktion für Arte zeigt nicht nur die Qualitäten des Opernorchesters im Konzert und die musikalische Kraft des Dirigenten, sondern auch dessen exzellente, wirkungsvoll choreografierte Schlagtechnik. Jordan hat Charisma.  Ovationen in der Bastille-Oper. Das Pariser Publikum liebt den Directeur Musical.