Ulm "Ich hatte blanke Panik"

Kennen sich schon seit Jahren: Nicholas Müller (links) und Tobias Schmitz sind jetzt "von Brücken".
Kennen sich schon seit Jahren: Nicholas Müller (links) und Tobias Schmitz sind jetzt "von Brücken". © Foto: Anne de Wolff
Ulm / UDO EBERL 10.11.2015
Vor knapp zwei Jahren warf Nicholas Müller als Sänger der Band Jupiter Jones wegen einer Angststörung das Handtuch. Mit dem Allrounder Tobias Schmitz steht er nun als "von Brücken" auf der Bühne.

Wie kam es zu dem Bandnamen "von Brücken"?
TOBIAS SCHMITZ: Wir hatten in der Songwriting- und Produktionsphase drei Bandnamen als Arbeitstitel, die allesamt nicht die großen Würfe waren. Den endgültigen Namen zu finden, war schwieriger als alles andere. Ich schlug dann "Brücken" vor.

NICHOLAS MÜLLER: Und ich fand "von Brücken" noch eleganter und aristokratischer. Den Vorschlag, unser beider Ding Nicholas Müller Band zu nennen, war für mich keine Option, auch wenn es da vielleicht noch ein gerüttelt Maß an Restprominenz gibt. Schließlich wollen wir mit dem Namen auch in zehn Jahren noch glücklich sein.

Wie ist das Duo entstanden?
MÜLLER: Uns verbindet nicht nur die gemeinsame Zeit bei Jupiter Jones, bei der Tobi im Studio wie auch bei Konzerten als Gastmusiker bei vielen Auftritten dabei war. Wir können auch zusammen Musik hören, ohne dabei sprechen zu müssen.

Freunde sind in harten Zeiten sehr wichtig. Schwierige Phasen spiegeln sich in einigen Songtexten des Albums wider.
MÜLLER: Das Stück "Lady Angst" beschreibt die Zeit meiner Panik-Attacken sozusagen von A bis Z und viele Betroffene finden sich darin auch wieder, wie die Reaktionen zeigen. Das Thema Angst war ein großes Thema in meinem Leben und wird es auch bleiben, denn man wischt zehn Jahre Angst nicht einfach so weg. Ich gebe mir aber große Mühe, das Pferd auf dem Album nicht tot zu reiten, und wir wollten wahrlich kein Konzeptalbum zum Thema Angst und Co. daraus machen.

Wie stark wurde Ihr Leben als Musiker eigentlich von Ihrer Angst beeinträchtigt?MÜLLER: Jeder Termin, jedes Konzert, selbst die Bandproben mit Jupiter Jones waren für mich eine unüberwindbare Aufgabe. Ich hatte blanke Panik, auf die Bühne zu gehen. Seit ich 24 Jahre alt war, hatte ich diese Panik-Attacken: Schwindel, der lebensbedrohlich schien, Hitzewallungen, Übelkeit, Herzrasen, kalter Schweiß.

Gab es den Punkt, an dem Sie dachten, das Thema Musikkarriere ist erledigt? Sie mussten wegen Ihrer Angstzustände beim Deichbrand-Festival sogar ein Konzert mit Jupiter Jones abbrechen.
MÜLLER: Meine Therapeutin, die mich schon längere Zeit begleitete, sagte irgendwann: Entweder, Sie steigen bei Ihrer Band aus, machen eine bewusste Pause und werden gesund. Oder ich therapiere Sie ab diesem Punkt nicht mehr weiter. Ich war zunächst stur und wollte das nicht kapieren, aber es ging nicht mehr.

Die Folge war ein radikaler Schnitt, der für viele überraschende Ausstieg bei Jupiter Jones und eine Art Psycho-Outing.
MÜLLER: Das musste so sein, denn ansonsten wäre ich nicht zur Ruhe gekommen. Ich konnte zu dieser Zeit auch nicht datieren, wann ich wieder da sein kann. Aber irgendwann begannen wir mit dem Songwriting und nach dem Song "Gold gegen Blei", unserer ersten Single, wusste ich, das ist es.

War das Texten zum Thema eine Befreiung oder eher ein weiteres tiefes Eintauchen in Phasen Ihres Lebens, die nicht vergnügungssteuerpflichtig waren?
MÜLLER: Wenn man sich als Texter Mühe gibt, das Leben zu beleuchten, geht man immer auch an die Substanz. Texten geht bei mir tatsächlich immer auch mit körperlichem Schmerz einher. Ich krampfe da sehr oft, denn man reflektiert ja doch sehr intensiv.

Und Sie als Komponist sind dann mit diesem Klumpen Emotionen konfrontiert worden.
MÜLLER: Emotionsklumpen trifft meinen damaligen Zustand sehr gut.

SCHMITZ: Es ist natürlich toll, wenn man Texte bekommt, bei denen man sofort spürt, wenn man dafür Musik schreibt, dann werden das später Songs, die eine wirkliche Relevanz haben. Ich hatte aber auch die Verpflichtung, dem etwas Gutes entgegenzusetzen.

MÜLLER: Manchmal war es auch umgekehrt und für mich eine riesige Herausforderung.

Wie war es denn, mit von Brücken nach mehr als anderthalb Jahren wieder live aufzutreten?

SCHMITZ: Wir sind ja beim Reeperbahn Festival mit einer achtköpfigen Band aufgetreten. Und es war eine Stunde pure Euphorie.

Und die Angst war nicht mehr Gast auf der Bühne?

MÜLLER: Aus massiver existenzieller Angst ist ein ganz hundsgewöhnliches Lampenfieber geworden. Das hat mich völlig überrascht, denn ich hatte von den Jahren zuvor noch eine ganz andere Routine im Hinterkopf. Aber ich war sofort angeknipst und ich habe eine sehr große Freude empfunden. Auf der Bühne hätte ich dann ewig weiterspielen können.

Zurück mit neuem Album: "Weit weg von fertig"

Nicholas Müller Als Sänger von Jupiter Jones konnte Nicholas Müller große Erfolge feiern. Das Lied "Still" war 2011 das meistgespielte deutschsprachige Lied im Rundfunk. Danach ging es für die Band aus der Eifel steil bergauf: Ausverkaufte Konzerte, Platinplatte, der Echo in der Rubrik Radio. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs war der Sänger nach zwölf Jahren wegen einer massiven Angststörung zum Ausstieg gezwungen. Nach knapp zwei Jahren Pause meldet er sich nun mit der Band von Brücken und dem Album "Weit weg von fertig" (Four Music) zurück.

Die Angst der Künstler Musiker oder Schauspieler neigen überproportional oft zu Angst-Erkrankungen. Die Panikattacken eines Vivaldi sind genauso bekannt wie die von Dustin Hoffman, der seine Karriere unterbrechen musste, oder die der Schauspielerin Winona Ryder.

 

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