Festspiele „Hunger“ – ein Castorf-Marathon in Salzburg

Alle Schauspieler haben fulminante Momente, hier Marc Hosemann und Lilith Stangenberg.
Alle Schauspieler haben fulminante Momente, hier Marc Hosemann und Lilith Stangenberg. © Foto: Salzburger Festspiele/Matthias Horn
Theater / Von Otto Paul Burkhardt 06.08.2018

Ein Abend, ach was, eine rauschhafte Nacht der Extreme war das. Irgendwo zwischen Poesie und Wahnsinn. Zwischen Dauergebrüll und Live-Video, zwischen Durststrecken und unvergesslichen Momenten, in denen die Zeit stillsteht. Frank Castorf dreht Knut Hamsuns Prosa-Welterfolg „Hunger“ (1890) bei den Salzburger Festspielen durch seinen beliebten wie gefürchteten Romanverwertungs-Fleischwolf. Natürlich dauert das, weil er Hamsuns Nachfolge-Roman „Mysterien“ (1892) gleich mitverwurstet: Auf  fünfdreiviertel Stunden netto zieht sich die Inszenierung auf der Perner-Insel dahin. Ja, Castorf-Nächte sind lang – und immer auch ein Machtkampf mit dem Publikum, wer länger durchhält. Am Ende sind die Reihen deutlich gelichtet, doch das verbliebene Gros spendet, dank einer furiosen zweiten Hälfte, tapfer Beifall. Auch für den Regisseur, der nur vereinzelte Buhrufe einstecken muss.

Ein fiebriges Melodram

Dass Castorf die Fieber-Phantasien eines Hungernden vor der Kulisse einer McDonald’s-Filiale ausbreitet, mag man platt oder zynisch finden. Doch es wirft ein Licht auf die Gegenwart, in der die Kluft zwischen Nahrungsmangel und -überfluss nicht geringer geworden ist. Castorf verschränkt wieder vielstimmig mehrere Ebenen: Bruchstücke des Romans sind mit der Biografie des Nobelpreisträgers Hamsun verwoben, der später die NS-Besatzer Norwegens sowie den Nazi-Kollaborateur Vidkun Quisling unterstützte und sich mit Goebbels und Hitler traf.

Die grandiose Drehbühne von Aleksandar Denic fungiert im Castorfschen Bühnenzirkus erneut als „mitspielendes Material“. So passieren Revue: ein Gespensterhaus, ein „Mysterien“-Laden, ein versiffter Hinterhof und besagtes Schnell-Restaurant, in dem die Akteure auch Selbstgebrutzeltes anrichten. Schon anfangs schreit einer „Swastika! Swastika!“, und immer wieder streut die Regie historische Verweise ein: Propaganda-Plakate mit blonden Recken der „Germanske SS Norge“, Werbung mit „stärkender“ Schokolade für die Wehrmacht, Poster zu Hollywood-Streifen wie „Love Before Breakfast“ mit Carole Lombard als freches Screwball-Gör mit blauem Auge.

Das Ganze funktioniert anfangs, wenn Bezüge zwischen den Halluzinationen der hungernden Roman-Hauptfigur in Kristiania, dem heutigen Oslo, und realen Erlebnissen Hamsuns aufleuchten, dessen frühe Auswanderungsphasen nach USA, wo er sich als Bahnschaffner und Farmarbeiter durchschlug, kläglich scheiterten. Die Stützen des Ex-Volksbühnen-Ensembles, zunächst der dauerexaltierte Marc Hosemann, verschärfen Hamsuns eh’ soghafte, krasse Erzählweise – ein wuchernder Bewusstseins-Strom – noch zusätzlich durch Extrem-Einsatz.

Doch wenn alle Varianten zwischen Not und Scham, Phantasie und Irrsinn ausgereizt sind, gibt es im viel zu langen ersten Teil bald keinen Erkenntnisgewinn mehr – heiße Luft im Saal und auf der Bühne. Das ändert sich nach der Pause, wenn das Ensemble geraffter agiert und neben dem „Hunger“-Wahn auch den anderen Pol ins Zentrum rückt, den in schickes Gelb gekleideten und dennoch seltsam zerrissenen Erfolgsmenschen des zweiten Romans „Mysterien“.

Die Schauspieler? Alle haben fulminante Momente: Josef  Ostendorf, ein Meister des Philosophie-Monologs, Sophie Rois und Kathrin Angerer, ein Hochspannungs-Duett, ebenso Lilith Stangenberg, Lars Rudolph, Daniel Zillmann und Rocco Mylord. Klar, die Grenzen zwischen ständiger Übererregtheit und nervender Redundanz können fließend sein. Da helfen auch Kasperltheater und Comic-Dialoge zwischen Würstchen und Pommes nichts. Doch am Ende nimmt der Marathon nochmal gewaltig Fahrt auf und entwickelt einen rauschhaften Flow. Ein fiebriges Melodram über Elend und Überfluss – und eine fesselnde Archäologie verdrängter Geschichte.

Volksbühne als Exportartikel

Frank Castorfs nach 25 Jahren heimatloses Volksbühnen-Theater ist zum begehrten Export-Artikel geworden – auch in Wien und Salzburg. Wie zu hören ist, soll die „Walküre“, ein Teil seiner Bayreuther „Ring“-Inszenierung, 2019 in Abu Dhabi gezeigt werden. Was wohl eher daran liegt, dass Plácido Domingo dirigiert. op

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