Schauspiel „Hauptmann von Köpenick“ als Stand-up-Comedian

Milan Peschel als Schuster in Uniform.  
Milan Peschel als Schuster in Uniform.   © Foto: Arno Declair
Christoph Müller 29.12.2017

Es sind vier garantiert stets kassenfüllende Stücke, die wegen ihres Berliner Lokalkolorits eigentlich immer bei einer der 23 Bühnen der Hauptstadt auf dem Spielplan stehen müssen: Brechts „Dreigroschenoper“, Döblins „Berlin Alexanderplatz“, das Musical „Cabaret“ und Carl Zuckmayers 1931 am Berliner Deutschen Theater uraufgeführter „Hauptmann von Köpenick“. Und siehe da: Alle viere sind jetzt wieder präsent! Den mit einem listigen Kleidertausch die preußische Obrigkeit hinters Licht führenden armen Schlucker Wilhelm Voigt spielten zuletzt, originalgetreu deftig balinernd, Harald Juhnke und danach Katharina Talbach, also zwei wahre Volksschauspieler, jahrelang am Maxim-Gorki-Theater.

Jetzt zog sich der mit allen Castorf-Wassern gewaschene Milan Peschel die in der mit viel Video ebenfalls à la Castorf arbeitenden Inszenierung von Jan Bosse tingeltangel-grell glitzernde Uniform im Deutschen Theater an. Unterstützt wird er von der originellen und deshalb zurecht gleich in mehreren Rollen besetzten Steffi Kühnert. Zwei echte, kräftige Berliner Schnauzen.

So weit, so gut. Aber die Inszenierung will mehr. Ihr ist das märchenhaft gemeinte Zuckmayer-Volksstück nicht gut genug – historisch überholt und auch sonst zu harmlos. Folglich setzte man den nimmermüd unausgelasteten Stuttgarter Schauspielintendanten  Armin Petras darauf an, das Sozialkritische und Gesellschaftspolitische der eben nicht nur harmlos witzigen (Kleider-)Verwechslungskomödie mit erhobenem Zeigefinger wenigstens halbherzig ins heutige Berlin zu übermalen.

Das klappt dramaturgisch nicht, kreist nur umständlich und lähmend um die von Brecht in seinen „Flüchtlingsgesprächen“ weit triftiger beantwortete Frage, warum das Wichtigste für einen Menschen sein Pass sei. Die Inszenierung macht leider nicht hinne, sondern hangelt sich fast zweieinhalb Stunden lang mühsam von einem Durchhänger zum nächsten. Bis es dann den beiden großen Gast-Stars in den Hauptrollen zu dumm ist mit den ewigen Petras-Belehrungen und sie sich als solistische Stand-up-Comedians verselbstständigen, um stattdessen das unterforderte Publikum kabarettistisch mit ihren eigenen Sorgen als heimatlos gewordene Schauspieler vertraut zu machen. Und der, klein beigebend, bloß noch anpassungswillige Militär-Imitator bleibt am Schluss vor herunterrasselndem Eisernen Vorhang genauso ratlos, wohin mit sich, wie zu Beginn der verspielten Köpenickiade . . .