Mundart-Stars „Hannes und der Bürgermeister“: Die Hirnaufschüttler

Albin Braig und Karlheinz Hartmann sind gegen Kolbenfresser im Oberstübchen.
Albin Braig und Karlheinz Hartmann sind gegen Kolbenfresser im Oberstübchen. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Claudia Reicherter 24.01.2018

Wer ist das eigentlich, „Hannes und der Bür­germeister“, wer steckt hinter dem gewitzten Amtsdiener und seinem würdevoll-gewichtigen Chef? Sie sind Stars aus einer schwäbischen Stadt, die sich vom Leinfeldener Privattheater Mäulesmühle aus vorrangig über die Abgrenzung zum benachbarten – gleichfalls fiktiven – Schriedingen definiert. Sie verkörpern ihre Rollen im bis aufs rote Telefon auf dem Schreibtisch seit 33 Jahren gleichgebliebenen Bühnenbild so liebenswert kauzig wie überzeugend. Seit 23 Jahren auch im Fernsehen vor wöchentlich mehr als einer Million Zuschauern. Das alles, ja. Aber privat?

Humorbefreite Antialkoholiker? Verbissene Fitnessfreaks? Blasierte Kom­­mu­ni­­ka­tionsver­­wei­­ger­er, die kaum vom Handy hochschauen, wo ein Algorithmus gerade das Thema „Feierwehr­feschd“ durch „g’mischde Sauna“ ersetzt und mit Hilfe von anklickbaren Variablen zwischen „Schatzilein“, „Schof­seggl Fritz“ und „Ochsawirt“ einen neuen Sketch generiert? Ha noi! Nicht doch.

Al­bin Braig (66) alias „Hannes“ und Karlheinz Hartmann (67) alias „der Bürgermeister“, beide im Stuttgarter Stadtteil Weilimdorf  aufgewachsen und heute in Herrenberg lebend, sind so unkompliziert und umgänglich, wie man sich’s nur wünschen kann.

Großer Statistiker

Am Montag und Dienstag waren sie mit ihrem aktuellen Programm im Ulmer CCU zu Gast – zu zwei von bislang insgesamt grob geschätzt 1500 bis 2000 Auftritten. „I kennd’s Ihne genau saga, drhoim han i ’s aufg’schrieba, i ben jo an großer Sschdadischdigger, aber em Kopf han i ’s hald ed“, sagt Albin Braig.  Im benachbarten Hotel Maritim schwätzen sie vor dem nachmittäglichen Kaffee zwanglos in der Lobby mit Fans. Mit einem Paar etwa, das eigens aus Regensburg angereist ist, Karten wie Hotelübernachtung von den Söhnen zu Weihnachten bekommen hat.

Das freut Albin Braig, der mit fünf erstmals auf Vaters Bühne stand, ebenso wie seinen Schulfreund Karlheinz Hartmann, der ihm mit 16 oder 17 Jahren „zur Gaude“, aus Jux also, in Richtung dieses „nicht gleich erkannten Traumberufs“ nachfolgte.

Der Fankontakt zeigt: Die beiden zu Ikonen ausgewachsenen Figuren „Hannes“ und „Karle“, die Mäulesmühle-Begründer Otto Braig den beiden Vollblutschauspielern auf die Leiber schrieb, sind anderen ein Geschenk. Und die Beliebtheit dessen, was für den heutigen „Komede-Scheuer“-Leiter Albin Braig weder Comedy noch Kabarett ist, sondern „eigentlich Volkstheater“, dehnt sich weiter über die bisherigen „Grenzgebiete“ Kaiserstuhl und Pfalz hinaus aus. Nicht-Schwaben sind schließlich „auch Leute“.

Ungeachtet regionaler, religiöser, sprachlicher oder sonstiger Herkunft: „Unsere Aufgabe ist es, bei den Leuten durch Lachen ein wenig das Hirn aufzuschütteln. Sonst gibt’s da oben drin Kolbenfresser. Wir sind eine Art Schmieröl fürs Hirn“, sagt Braig.

Bevor er vom marineblauen Strickpulli mit passendem Baumwollschal in seine seit 1985 unveränderte „Hannes“-Tracht schlüpft und kurz vor dem Auftritt noch immer nervös wird, ist er auch  mal ernst. Obwohl der Fan-Kreis weiter wächst und die für 190 Zuschauer ausgelegte Mäulesmühle stets rasch ausverkauft ist, denkt das kongeniale Paar nicht an Expansion – weder räumlich noch personell. Auch Film­anfragen lehnen die beiden beharrlich ab. Wichtig sei, dass der Dialekt in seiner „Vielfarbigkeit“ bewahrt und aus der „Ecke bleed“ rausgeholt wird, findet Stückeschreiber Albin Braig. Die Sprache seiner Sketche, bei denen oft zwei bis fünf Schnäpsle gekippt werden, soll „irgendwie swingen“.

„Wir sind schauspielerisch so gut ausgebildet, dass bei uns selbst Schiller grooven würde“, fügt der etwas zurückhaltendere Karlheinz Hartmann hinzu, dem die Wahl zwischen Kässpätzle, Maultaschen und Zwiebelrostbraten denkbar leicht fällt: „Genau in der Reihenfolge, ja!“

Dann ist es auch schon an der Zeit, dass Hartmann den taubengrauen Anzug anzieht und Braig Hannes’ schwarzes Knautschhütle aufsetzt – und mit „Oh Bürgermeischder, schnell, an Schnaps!“ 1300 Leute im CCU zum Kreischen bringt. Von Ulm haben die beiden erneut nichts gesehen. „So isch’s no hald au wieder . . .“

Weitere Auftritte in der Umgebung

Termine Wer „Hannes und der Bürgermeister“ mit ihrem neuen Programm „Des gibt’s bloß bei ons!“ in Ulm verpasst hat: Am 5. und 6. März sind Albin Braig und Karlheinz Hartmann mit  Herrn Stumpfes Zieh & Zupfkapelle in Ravensburg, am 25. und 26. Juni in Aalen und am 9. Oktober im Bürgerhaus Senden. Alle Termine und Karten unter www.reservix.de cli

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