Worms „Gold“ leuchtet Abgründe aus: Applaus für die Nibelungen-Festspiele

Dominic Raacke als Society-Reporter Peter Scheumer bei der Probe für „Gold. Der Film der Nibelungen“  im rheinland-pfälzischen Worms. 
Dominic Raacke als Society-Reporter Peter Scheumer bei der Probe für „Gold. Der Film der Nibelungen“  im rheinland-pfälzischen Worms.  © Foto: Andreas Arnold
JASPER ROTHFELS, DPA 20.07.2016
Das neue Stück der Nibelungen-Festspiele holt die Sage in die Gegenwart: Bei der Verfilmung des Stoffs erlebt eine Crew Höhen und Tiefen - ganz nach dem literarischen Vorbild. Auch hier fließt Blut.

Sie wollen die Nibelungensage verfilmen, aber Ehrgeiz, Eifersucht und Hass machen ihnen dabei zu schaffen. Im neuen Stück der Wormser Nibelungen-Festspiele durchlebt eine fiktive Filmcrew jene Emotionen, die auch die Figuren der literarischen Vorlage beherrschen. Die Schauspielerinnen, die bei den Dreharbeiten vor dem Dom die Königinnen aus der Sage spielen, geraten sich in die Haare. Und die Schauspieler, die die Gegner Hagen und Siegfried verkörpern, fetzen sich auch jenseits der Bühne – bis der Siegfried-Darsteller durch die Hand des anderen stirbt.

Dass die Siegfried-Figur dabei von dem Türken Mohammed Söder (Ismail Deniz) und der Hagen von dem rechtsgerichteten René Inner (Sascha Göpel) gespielt wird, ist nur eine der Besonderheiten des Stücks, dessen hochkarätiges Ensemble bei der Premiere grandios aufspielte. Das Publikum applaudierte minutenlang.

„Gold. Der Film der Nibelungen“ stammt wie die letztjährige Produktion „Gemetzel“ aus der Feder von Albert Ostermaier. Das vielschichtige Stück kommt über weite Strecken laut, bunt und lustig daher, doch es berührt auch die dunkelsten Seiten der menschlichen Existenz. Im Zentrum steht der todkranke Produzent Konstantin Trauer, lässig bis melancholisch gespielt von Uwe Ochsenknecht, der sich mit dem Film einen Traum erfüllen und ein Denkmal setzen will. Heimlich hat er – nach einer Idee des intriganten Boulevardjournalisten Peter Scheumer (Dominic Raacke) – das Drehbuch geschrieben, aber den als Genie geltenden Autor Charlie P. Weide (Josef Ostendorf) als Schöpfer genannt.

Verfilmen soll es der junge Regisseur Arsenij Kubik (Vladimir Burlakov), der vor lauter Besessenheit kaum eine Szene fertig bekommt und seine Schauspieler gern zum Äußersten treibt, um das Beste aus ihnen herauszuholen. Zwischen ihnen soll geschehen, was zwischen den Menschen in der Nibelungensage geschieht, in der es um Hass, Rache und Gewalt geht.

Die Rollen der Königinnen Kriemhild (Katja Weitzenböck/Constanze Wächter) und Brünhild (Michaela Steiger/Dennenesch Zoudé) besetzt er doppelt, um den Konkurrenzdruck zu erhöhen, die älteren lässt er zunächst in ihren Wohnwagen warten, die auf der Bühne von käfigartigen Glaskästen dargestellt werden. „Die hungern wir aus. Hungrige Wölfinnen. Und dann lassen wir sie auf die anderen und die Zuschauer los.“ Für ihre bewegenden Klagemonolge über Einsamkeit, Alter, Abhängigkeit und Schuld erhalten die älteren später Szenenapplaus.

Dass Kubik den Siegfried mit dem Türken Mohammed Söder besetzt, ist eher eine Notlösung, denn die deutschen Superstars haben ihm für seinen „Nationalfilm“ über das „Nationalepos der Deutschen“ abgesagt. Söder tut sich zunächst schwer mit der Siegfried-Rolle, in der er Brünhild vergewaltigen soll. Er fürchtet – auch mit Blick auf die Übergriffe in Köln, dass das Vorurteile bestärken könnte. „Nur weil ich Muslim bin, vergewaltige ich keine Frau“, sagt er.

Unterdessen intrigiert Boulevardjournalist Scheumer nach Kräften und stachelt den Hagen-Darsteller gegen Söder auf. „Siegfried, der blonde Held, ein Bahnhofs-Blondinen-Grapscher“, hetzt er. „Muss da Hagen nicht durchdrehen?“ Und der dreht durch. „Ein Russlanddeutscher und ein Türke wollen uns erklären, was die Nibelungen sind“, wettert er, bevor er sich in Siegfrieds Wagen schleicht, wo der ungläubige Scheumer zufällig Zeuge der Bluttat wird.

Zum Ende hin richtet Scheumer unter den Schauspielern selbst ein Blutbad an. Doch das ist nur Bestandteil des Films, und am Ende stehen alle auf, und Kubik und Weide sprechen denselben Text wie zu Beginn des Stücks.