Gewachst, auf Hochglanz poliert, Kraft und Energie ausstrahlend: Der „Dresdner Mars“ ist ein Kunstwerk von nationalem Rang und höchster Qualität.

Der Florentiner Renaissancebildhauer Giambologna (1529-1608) verehrte die Bronzestatuette einst persönlich Sachsens Kurfürst Christian I., „von Souverän zu Souverän“, wie der Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister und Skulpturensammlung, Stephan Koja, erklärt. Das und ihre Einzigartigkeit machen die etwa 40 Zentimeter hohe Figur zu etwas Besonderem - und zum Mittelpunkt eines Kunst-Krimis im 21. Jahrhundert.

Nun ist der „Dresdner Mars“ zurück im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) und zunächst bis Ende März in einer Ausstellung im sächsischen Freiberg zu sehen. Ohne das Eingreifen der öffentlichen Hand und privater Mäzene wäre er wohl für Deutschland verloren gewesen. Potente Sammler und Museen in Europa, den USA und Übersee standen mit Millionensummen bereit, als die Bayer AG das Stück aus ihrer Sammlung in London veräußern wollte.

Statt es zuerst den SKD anzubieten, die seit Jahren vergeblich um Rückgewinnung ihres verloren gegangenen Schatzes ersuchten, gab der Pharmakonzern es zur Auktion bei Sotheby's. Und schickte die Kleinbronze, die schon nicht mehr in Deutschland war, sogar zur Ansicht nach New York. Die SKD erfuhren kurz vor Drucklegung des Katalogs davon - per Zufall.

Bayer habe vorab auch keinen Kontakt zu Sachsen oder Nordrhein-Westfalen wegen eines möglichen Verkaufs an eine deutsche Einrichtung gesucht, „geschweige denn über seine Verkaufsabsichten berichtet“, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Das Unternehmen habe nur beantragt, das Kunstwerk für ein „mehrjähriges Ausstellungsprojekt“ auszuführen. Das hätte bedeutet, „dass der „Mars“ zurückkehren und nicht verkauft würde“.

Stattdessen aber sollte er versilbert werden, um in junge und zeitgenössische Kunst zu investieren. Der Ausrufpreis war mit drei bis fünf Millionen Pfund angegeben. „Dass so etwas auf den Markt kommt, ist eine Sensation“, meint Giambologna-Expertin Claudia Kryza-Gersch von der Dresdner Skulpturensammlung. Buchstäblich in letzter Sekunde wurde eine Rettungsaktion orchestriert, „die ihresgleichen sucht“, berichtet SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann.

Bund und Länder, Stiftungen und Förderer machten in kürzester Zeit sehr viel Geld locker, um den „Mars“ für Dresden und Deutschland zu sichern. Allein Grütters steuerte eine Million Euro aus ihrem Haus bei, die SKD ihren Ankaufsetat für 2019 und 2020: zusammen eine Millionen Euro. „Hier offenbart sich leider wieder einmal, dass Kunst viel zu oft nur als Ware angesehen wird, als Spekulationsobjekt, ohne ihren kunsthistorischen und gesellschaftlichen Wert zu berücksichtigen“, resümiert Grütters den Fall „Mars“.

Auch sie hatte die Bayer AG an deren gesellschaftliche Verantwortung erinnert und aufgefordert, die Bronze nach Dresden zu schenken. Dort war sie über 300 Jahre, bis sie an Sachsens ehemalige Herrscherfamilie der Wettiner ging, die sie zu Geld machte. Selbst die Urenkel des damaligen Käufers appellierten, die Figur den SKD zu schenken - so wie der „Mars“ 1983 einst in die Bayer-Kunstsammlung kam. Am Ende zog Bayer den „Dresdner Mars“ von der Auktion zurück, der Weg zur Rückkehr des Meisterwerks an den vom Künstler bestimmten Ort war geebnet.

Schließlich war er Giambolognas persönliche „Zugabe“ an Sachsens Kurfürst, als Toskana-Großherzog Francesco I. de Medici drei andere Kleinbronzen des Künstlers zum Regierungsantritt von Christian I. 1587 sandte. Der dankte für den Kriegsgott mit einer Goldkette. „Das sagt viel über Giambolognas Rang als Künstler aus, wenn er es sich erlauben kann, sich mit einem solchen persönlichen Präsent auf dieselbe Stufe mit einem Herrscher zu stellen“, sagt Kryza-Gersch. „Es war seine Visitenkarte.“

Der aus Flandern stammende Giovanni da Bologna war 1550 nach Florenz gekommen, das noch in Michelangelos Bann stand. „Er war der Erste, der dem männlichen Akt neues Leben einhauchte, mit raumgreifender Bewegung und phantastischen Gesten“, erklärt Kryza-Gersch. Der „Dresdner Mars“ sei ein Unikat und für die meisten Museen eigentlich unbezahlbar. „Das ist eine Liga, wo kaum noch einer mitspielen kann.“

Welche Summe Bayer letztlich umstimmte, ist geheim. Für Grütters zeigt der Fall explizit, wie wichtig ein wirksames Kulturgutschutzgesetz für Deutschland ist. Sie sieht aber das Bewusstsein geschärft, „dass das künftig nicht mehr passieren sollte“.

Informationen zu "Ein Gott auf Reisen"-Tour