Kino „Die Strukturen sind vergleichbar“

Regisseurin Barbara Miller mit vier ihrer befragten Frauen: (von links) Rokudenashiko, Leyla Hussein, Vithika Yadav und Doris Wagner.
Regisseurin Barbara Miller mit vier ihrer befragten Frauen: (von links) Rokudenashiko, Leyla Hussein, Vithika Yadav und Doris Wagner. © Foto: X-Verleih
Ulm / Dieter Oßwald 03.11.2018

Fünf Frauen aus fünf unterschiedlichen Kulturen erzählen in einer eindrucksvollen Dokumentation darüber, wie Diskriminierung im Namen von Religionen aussieht: ein weltweites #me too der strukturellen Art gewissermaßen. Gedreht hat den Film die 1970 in Zürich geborene Regisseurin Barbara Miller. Mit „#Female Pleasure“ wurde sie auf das Festival von Locarno eingeladen und gewann den Premio Zonta Club Award.

Frau Miller, was hat es mit dem Filmtitel auf sich? Viel Vergnügen erleben diese Frauen nicht gerade.

Barbara Miller: Der Film handelt vom Recht der Frauen auf die weibliche Sexualität und auf die weibliche Lust. Der Titel „#Female Peasure“ möchte sich als Hinweis verstehen, dass es um den Einsatz und den Kampf für dieses Recht geht.

Bei diesem Thema und Hashtag, liegt die #me too-Debatte nicht fern. Wie sehen Sie den Zusammenhang jener strukturellen Diskriminierung, die Ihr Film zeigt, und den Taten von Weinstein und Co.?

Ich glaube, dass die Haltung dahinter sehr ähnlich ist, auch die Strukturen sind durchaus vergleichbar. Frauen wird bis heute in vielen Kulturen die Möglichkeit der Selbstbestimmung über ihren Körper und ihre Sexualität abgesprochen. Man hat das Gefühl, Frauen seien Sexualobjekte und eben nicht sexuelle Subjekte. Die Erfahrungen der Frauen sind da schon vergleichbar.

Wie bewerten Sie die #me too-Kampagne?

Die Frage ist, was man unter #me too versteht. Stark finde ich, dass Frauen und auch Männer hinstehen, und sagen, sie haben sexuelle Übergriffe oder eine Vergewaltigung erlebt. Dass man sich über diese Scham oder dieses eigene „was habe ich falsch gemacht?“-Schuldgefühl hinwegsetzt und sagt: Es ist mir passiert. Das macht mich nicht zu einem schlechteren Menschen. Sondern ich klage damit an. Und habe den Mut, etwas zu verändern. Mein Film ist nun Teil dieser öffentlichen Auseinandersetzung mit weiblicher und männlicher Sexualität.

Beim Islam oder Katholizismus dürfte das Frauenbild weniger überraschen als etwa bei Buddhisten. Offensichtlich scheinen sich die Weltreligionen allerdings ziemlich einig.

Es zieht sich tatsächlich durch alle Weltreligionen, dass der weibliche Körper etwas Schlechtes ist und dämonisiert wird: Weibliche Sexualität bringt das Böse in die Welt. Der Buddhismus in Japan oder Nepal macht da keine Ausnahme. Dort gilt die Menstruation der Frau als Ausdruck der Sünde. Deshalb können Frauen nie zu Buddha werden, sondern verwandeln sich, auch nur mit großem Glück, höchstens in einen männlichen Körper.

Aufklärerisch sein wollende Dokumentationen geraten nicht selten zum plumpen Thesen-Bilderbuch, siehe Michael Moore. Wie gehen Sie mit dieser Manipulations-Falle um?

Die Problematik war mir sehr bewusst! Es ging mir nie darum, eine These aufzustellen und diese dann einfach nur zu bestätigen. Ich wollte mich stattdessen auf Spurensuche begeben. Während Michael Moore der Welt erzählt, wie die Dinge sein müssen, verzichte ich ganz bewusst auf Kommentare. Sondern im Film erzählen fünf Frauen aus ihrem Blickwinkel ihr Schicksal.

Durften die Frauen erzählen was sie wollten oder gaben Sie Dinge vor?

Nein, ich habe den Frauen absolut nichts vorgegeben, das würde meiner filmischen Ethik völlig widersprechen. Mein Wunsch war immer, Filme zu machen, die authentisch sind. Wenn ich manipulative Geschichten erzählen würde, müsste ich mich dafür schämen.

Welche Reaktionen des Publikums haben Sie bislang erfahren?

Sehr berührend fand ich einen jungen Mann, der erzählte, er habe nach dem Film seine sämtlichen Ex-Freundinnen angerufen und sich für all das entschuldigt, was er verbockt hatte. Ein anderer Zuschauer meinte, das sei endlich ein Film, wo er sich als Mann beim Thema weibliche Sexualität auch einbezogen fühlte. Frauen freuen sich darüber, wie zahlreich und weltweit dieser Widerstand stattfindet.

Eine Ihrer Frauen im Film wurde auf der Straße angespuckt. Befürchten Sie ähnliche Anfeindungen von fundamentalistischen Fanatikern?

Anfeindungen hat es leider gegeben. Zwei der Frauen leben an einer geheimen Adresse und führen einen Alarm bei sich. Es gab auch schon mehrfach tätliche Angriffe. Diese Dinge sind den Frauen und mir natürlich sehr bewusst, aber ich hoffe, dass wir gut darauf vorbereitet sind.

Wie haben die fünf Frauen auf den fertigen Film reagiert?

Vor drei Monaten haben wir uns alle in Berlin getroffen und gemeinsam den Film angeschaut. Die fünf Frauen haben sich vom ersten Moment an total gut verstanden, obwohl sie aus so unterschiedlichen Kulturen kommen.

Seit 2001 dreht Barbara Miller Dokumentationen

Regisseurin Nach dem Studium von Jura, Philosophie und Filmwissenschaft begann Barbara Miller als Regieassistentin und arbeitete zwei Jahre für Christian Frei am Dokumentarfilm „War Photographer“. Seit 2001 dreht die Regisseurin Dokumentationen – über Jugendgewalt, Scheidungsmütter und Pornografie.

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