Düsseldorf "Die Lüsternheit liegt im Auge des Betrachters"

Das Thema Kunst und Sex ist wieder für eine Debatte gut. Hier Egon Schieles "Liegende Frau mit roter Hose und stehender weiblicher Akt". Foto: dpa
Das Thema Kunst und Sex ist wieder für eine Debatte gut. Hier Egon Schieles "Liegende Frau mit roter Hose und stehender weiblicher Akt". Foto: dpa
Düsseldorf / DOROTHEA HÜLSMEIER, DPA 28.02.2014
Der Fall Edathy hat die Debatte um Bilder mit nackten Kindern auch in der Kunst angeheizt. Was darf Kunst? Das wird immer wieder neu diskutiert.

Tobia Bezzola, Direktor des renommierten Museums Folkwang in Essen, hatte nichts Verwerfliches im Sinn, als er die Ausstellung mit den Polaroids plante. Diese hatte der französische Künstler Balthus (1908-2001) von dem halbnackten minderjährigen Mädchen Anna in zweideutigen Posen gemacht. Die geplante Schau löste eine neue Pädophilie-Debatte in der Kunst aus. Bezzola erkundigte sich beim Jugendamt - und sagte die Ausstellung schließlich ab. Er befürchtete die Schließung durch die Behörden.

Das war noch, bevor der Fall des SPD-Politikers Sebastian Edathy die Öffentlichkeit erschütterte. Edathy hatte sich laut Staatsanwaltschaft Fotos von minderjährigen nackten Jungen bestellt. Gegen ihn laufen Ermittlungen wegen Verdachts auf Besitz von Kinderpornografie; der Politiker selbst betont, nichts Strafbares getan zu haben. Die Affäre heizte die Pädophilie-Debatte weiter an.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will schärfere Regeln für Kinderfotos prüfen, die aufreizend, aber nicht explizit pornografisch sind. Das lässt auch die Museen aufhorchen. In der Kunst sind nackte Kinder in aufreizenden Posen seit Jahrhunderten ein gängiges Thema. Barocke Kirchen sind gefüllt mit tausenden nackten Putten. Caravaggios bengelhafter nackter "Amor als Sieger" (1602) lacht auffordernd-spöttisch und spreizt die Beine völlig unnatürlich. Nach heutigen Maßstäben würde das Bild wohl unter das nicht strafbare "Posing" fallen - ein Kind nimmt aktiv eine unnatürliche Haltung ein, wodurch Genitalien betont werden.

Immer wieder diskutiert werden auch Bilder und Neigungen der expressionistischen "Brücke"-Maler wie Kirchner, Heckel oder Mueller, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit minderjährigen Modellen hinaus in die Natur zogen und sie in sexualisierten Posen malten. Paul Gauguin (1848-1903), bekannt für seine Südsee-Bilder, lebte mit einer 13-jährigen Tahitianerin zusammen, die auch sein Modell war. Egon Schiele (1890-1918) ließ Minderjährige Modell stehen und geriet in Verdacht, Mädchen missbraucht zu haben.

Was früher gezeigt werden durfte, gerät heute möglicherweise unter Verdacht - und wird wie im Fall Balthus unter Umständen gar nicht mehr gezeigt. Angesichts der Pädophilie- und Kindesmissbrauchs-Diskussion befürchten einige Museen Beschränkungen für künftige Ausstellungen. "Das Museum muss ein Ort der öffentlichen Diskussion sein und nicht der verbotenen Diskussion", sagt Markus Heinzelmann, Leiter des Museums Morsbroich in Leverkusen. Es müsse möglich sein, über Gewalt oder Tabus der Gesellschaft "in einem vernünftigen Rahmen" zu diskutieren. "Welcher Ort sollte dafür besser geeignet sein als das Parlament oder das Museum?"

Auch der Direktor des Von der Heydt-Museums in Wuppertal, Gerhard Finckh, warnt davor, die Grenzen der Kunst enger zu ziehen. "Kunst ist das Medium, in dem Tabus verletzt werden." Das Problem liegt nach Meinung Finckhs weniger in der Kunst als beim Rezipienten: "Die Lüsternheit liegt im Auge des Betrachters. Deswegen darf man die Kunst nicht verbieten."

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