Schauspiel „Der Geizige“ am Theater Ulm: Geld allein macht nicht unglücklich

Faktotum Jacques (Fabian Gröver) sagt dem Geizigen (Karl Heinz Glaser) die Wahrheit.
Faktotum Jacques (Fabian Gröver) sagt dem Geizigen (Karl Heinz Glaser) die Wahrheit. © Foto: Jochen Klenk
Ulm / Claudia Reicherter 20.01.2018

Geld oder Gefühl? Eigentum  oder Emotionen? Für den durch seine verstorbene Frau zu Reichtum gekommenen Pariser Bürger Harpagon ist das keine Frage: Die Schatulle voll Goldmünzen, die er im Garten vergraben hat, ist sein Ein und Alles. „Meine Stütze, mein Trost, meine Freude.“ Diese Kassette geht dem 68-Jährigen sogar über seine Kinder, Cléante und Elise, die sich ihrerseits ganz dem Gefühl, der Emotion, der Liebe verschrieben haben.

Harpagons Geiz ist sein Lebenszweck, seine Obsession – und Stadtgespräch, wie ihm der aus Sparsamkeit als Koch und Kutscher zugleich angestellte ­Jacques („Mit wem von mir beiden wollt Ihr sprechen?“) verrät. Der tolpatschige Simpel ist letztlich als Einziger wirklich ehrlich zum Pro­tagonisten in Molières vor 350 Jahren uraufgeführter Komödie „Der Geizige – oder die Schule des Lügens“.

Regisseurin Cordula Jung lässt ihre klug gekürzte und fein zugespitzte Ulmer Version dieses viel gespielten Klassikers stellenweise an der Tragödie kratzen, versetzt den Klamauk mit wohltuender Tiefe. Ihr „Geiziger“, der am Donnerstag im Großen Haus des Theaters Premiere hatte, behandelt nicht nur satirisch das Dilemma, in das einen extreme Existenz­angst stürzt. Sondern baut auch den Generationenkonflikt aus, die Suche der Jugend nach Freiheit und Wahrhaftigkeit im Korsett gesellschaftlicher Strukturen.

Aber keine Sorge, der Witz kommt in den flotten zwei Stunden keinesfalls zu kurz: Dafür sorgt schon die einmal mehr schlicht großartige Tini Prüfert in der Rolle der Kupplerin Frosine – ganz charmant-gewiefte Geschäftsfrau („In dieser Welt muss jeder zusehen, wo er bleibt“) und auch mal Furie („Du erbärmliches Sparschein, dann erstick’ doch an deinem Geld!“), die aber „keinen Stein im Herzen“ hat. Ihr männliches Pendant, was die Zahl der hervorgerufenen Lacher angeht, ist Fabian Gröver als herrlich verwahrlost-verwuscheltes, mit fiebrigem Blick an Didi Hallervorden erinnerndes Faktotum Jacques.

Auch wenn Karl Heinz Glaser den lebensverneinenden Harpagon überzeugend verbissen verkörpert und in der Einführungsmatinée bekannte, „das ist wirklich keine Figur, die man mögen kann“, spielt er den knauserig-cho­lerisch-eitlen alten Zausel durchaus facettenreich – und witzig. Zum Lachen über die ins Absurde übersteigerte Verstocktheit und dem Schrecken über seine Boshaftigkeit lässt er beim Zuschauer sogar Mitgefühl mit diesem pekuniär bis an den Rand des Irrsinns Getriebenen aufkommen.

Unterstützt von Britta Lammers’ aufgebauschten Frisuren und Glam-Barock-Kostümen überzeugen auch Franziska Maria Pößl als Tochter Elise und Jakob Egger als Sohn Cléante komödiantisch vielseitig auf ganzer Linie. Neben ihnen haben es Florian Stern und Julia Baukus als die jeweiligen Wunschpartner Va­lère und Mariane eher schwer.

Christian Streit hingegen spielt das Potenzial des gewieften Dieners La Flèche mit Musketierbärtchen voll aus – und Gunther Nickles braucht in seinen beiden Mini-Rollen dank Ringellöckchen und Hippiematte eigentlich gar nichts tun, um im Publikum heiteres Gegluckse hervorzurufen.

Eine Frage allerdings treibt die Premierenbesucher in der Pause um: Was hat der Elvis im „Geizigen“ zu suchen? Ganz in Gold bis hinab zu den Schleifenpumps und tollenbewehrt, steht er als Erster auf der Bühne, knipst – beim zweiten Versuch erfolgreich – die Lichterkette an, klimpert auf seiner Gitarre mal Elvis Presleys „Are You Lonesome Tonight?“, mal Elvis Costellos „She May Be The Face I Can’t Forget“, taucht immer wieder irgendwo auf – und steht doch nicht auf der Besetzungsliste? Auch für diese Antwort ist letztlich Anselme (Timo Ben Schöfer) zuständig, Molières Deus ex Machina, der die ganze verfahrene Situation am Ende auflöst und in Cordula Jungs Inszenierung vollends zum Clou wird.

Keine Frage: Anselme steht für Gefühl, Emotion, Liebe. Er hat aber auch das nötige Geld dazu.

Weitere Termine im Großen Haus

Aufführungen Die nächsten Vorstellungen von „Der Geizige“ sind heute, Samstag, 19 Uhr, am Dienstag, 23. Januar., 20 Uhr, sowie am 2., 7., 9., 16., 21. Februar, jeweils 20 Uhr, am 24. Februar und 4. März, jeweils 19 Uhr, und am 18.Februar und 11. März um 14 Uhr.

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