"Bis zum letzten Atemzug"

BRITTA SCHULTEJANS, DPA 06.02.2016
Nackte mit verbundenen Augen, ans Kreuz gefesselt, mit Tierkadavern und Gedärmen eingerieben. Der Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch hat krasse Bilder geschaffen. Viele zeigt jetzt die Villa Stuck.

Fühlen Sie sich manchmal reduziert auf die Bilder, die man in erster Linie von Ihnen kennt? Bilder, auf denen Sie in Blut baden?

HERMANN NITSCH: Ich würde sagen, ich stelle mich voll dar. Wenn mein Hauptwerk, mein Sechs-Tage-Spiel, neu realisiert wird, dann ist alles da: Musik, Gerüche, Geschmack, das Optische und Intensität im Sinne des Gesamtkunstwerkes.

Was macht Ihr Gesamtkunstwerk aus?

NITSCH: Das Wichtigste ist: Ich realisiere wirkliche Geschehnisse. Und wirkliche Geschehnisse sind über alle fünf Sinne erfahrbar. Man kann sie schmecken, man kann sie riechen, man kann sie sehen, man kann sie hören, man kann sie betasten.

Als Sie das erste Mal nach München kamen, war das eine Flucht aus Wien?

NITSCH: Ja. In Österreich war es für mich nicht mehr möglich, Aktionen zu machen. Ich hatte eine Bewährungsstrafe von einem halben Jahr, und hätte ich eine Aktion gemacht, hätte ich das halbe Jahr absitzen müssen - plus eine neue Strafe. Man hat mich eigentlich von zu Hause vertrieben. Ich habe es hier auch nicht sehr leicht gehabt, man hat es mir auch verboten - aber man hat mich zumindest nie eingesperrt.

Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass Sie mal das werden, was man einen etablierten Künstler nennt?

NITSCH: Ja, das war mir klar, dass sich meine Kunst in jedem Fall durchsetzen wird.

Warum war Ihnen das so klar - bei allen Anfeindungen, die es gab? NITSCH: Ich glaube, alle großen Künstler haben es genau so erleben müssen - wie beispielsweise Richard Wagner, Kandinsky oder Bruckner. Was neu ist in der Kunst, muss sich immer erst durchsetzen. Und ich wusste, dass meine Kunst die Kraft hat, und hatte keine Bedenken, dass sie sich durchsetzt. Aber sie müsste sich noch viel mehr durchsetzen.

Die Förderung des Mittelmäßigen - hat sich das aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verstärkt?

NITSCH: Ich glaube, das ist immer gleich. Ich habe ja auch sehr viel unterrichtet und zahlreiche junge Künstler gesehen, die Preise bekommen haben. Die großen Künstler kriegen nur in den seltensten Fällen Preise.

Geht es in die gleiche Richtung, dass ein Totenkopf von Damien Hirst rund 75 Millionen Euro wert sein soll?

NITSCH: Der ist finanziell bei weitem überschätzt, ist aber ein wichtiger Künstler.

Wen würden Sie im deutschsprachigen Raum einen wichtigen zeitgenössischen Künstler nennen?

NITSCH: Mich interessieren lebende Künstler nicht. Das sind nur Konkurrenten. Ich liebe Beethoven, Michelangelo, Leonardo, Bruckner. Man kann mir aber nicht nachsagen, dass ich mich nicht um den Nachwuchs gekümmert hätte. Ich habe mein Leben lang unterrichtet - bis jetzt. In Kolbermoor wird demnächst eine Meisterklasse vom mir gezeigt.

Die Leute, die heute noch Probleme mit Ihnen haben, sind diejenigen, die Ihnen Blasphemie vorwerfen - oder Tierschützer. Welche mögen Sie weniger?

NITSCH: Ich bezeichne mich selbst als Tierschützer. Ich liebe Tiere. Wenn ich Tiere verwende, dann sind sie zu 98 oder 99 Prozent im Schlachthaus oder beim Metzger gekauft. Unsere Gesellschaft hat die Tiere zur Nahrungsaufnahme getötet, und mich fasziniert rohes Fleisch, Gedärme, der Kadaver von Tieren genau so, wie die Frühzeit der menschliche Körper fasziniert hat. Das hat sehr viel mit der griechischen Tragödie zu tun.

Sie sind ja durchaus in einem Alter, in dem andere an Ruhestand denken. Ist das für Sie ein Thema?

NITSCH: Ich glaube, es wird sehr viel Unfug getrieben mit dem Alter. Das Alter ist anstrengend, schwer, schmerzensreich, und es ist besser, man macht im Alter noch was, als sich den Schmerzen und einer kranken Ruhe hinzugeben. Ich möchte bis zum letzten Atemzug meine Werke verwirklichen.

Zur Person vom 6. Februar 2016

Künstler Der 1938 in Wien geborene Hermann Nitsch polarisiert seit Jahrzehnten als Aktionskünstler, Maler und Bildhauer die Kunstszene. Für seine extremen Rituale wird er von manchen verehrt, von anderen leidenschaftlich abgelehnt. Bekannt ist er für sein "Orgien-Mysterien-Theater". Den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens bildete das "Sechs-Tage-Spiel" auf seinem Schloss bei Wien. Nitsch feierte eine sechstägige Orgie mit Musik, 13 000 Litern Wein, der Schlachtung von drei Stieren, Hunderten Litern Blut, kiloweise zerquetschten Trauben und Tomaten und ausgeweideten Tierkadavern.

SWP

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