Am heutigen Aschermittwoch könnte es vorbei sein: Wenn das Landgericht München dem Suhrkamp Verlag recht gibt, muss das Residenztheater München seine "Baal"-Inszenierung wohl grundlegend verändern oder vom Spielplan nehmen. Die Version, die Regisseur Frank Castorf auf die Bühne stellt, verletze das Urheberrecht durch die Hinzufügung von fremden Texten, so Suhrkamp - ein Sakrileg für Brecht-Erbin Barbara Brecht-Schall. Auf Kunstfreiheit hingegen plädiert der renommierte Brecht-Forscher Jan Knopf.

Wie ist Ihre Haltung in dem Streit?

JAN KNOPF: Ich habe da eine ganz entschiedene Meinung. Die Einsprüche der Brecht-Erben sind völlig unsinnig, weil Theater eine eigene Kunstform ist. Jede Inszenierung ist eine künstlerisch eigenständige Deutung des Texts; nichts kommt so auf die Bühne, wie es gedruckt ist. Gerade für Brecht war ein Stück ohne Bühne gar nicht fertig. Ein Text war offen, eine Partitur, die auf der Bühne je neu und aktuell mit dem Mitteln der gegenwärtigen Schauspielkunst umgesetzt wurde. Der Komponist Hanns Eisler zum Beispiel durfte Texte umschreiben, wenn er sie zu seiner Musik als nicht passend einschätzte.

Wie sehen Sie Castorfs Fall?

KNOPF: Ich kenne die Aufführung nicht, aber prinzipiell sollten Theaterleute frei mit der Vorlage umgehen, solange sie sie nicht denunzieren. Es gibt im Gegenteil viele angeblich "werkgetreue" Inszenierungen, die genau das tun, indem sie Theater mit Politik verwechseln. Mit der Werktreue, die es auf dem Theater gar nicht geben kann, wird ein Popanz der Originalität gepflegt, die es in Wirklichkeit nie gab. Große Dichtung ist ohne Zitieren nicht denkbar - Goethes "Iphigenie" besteht zu 80 Prozent aus Euripides.

Wogegen protestiert Barbara Brecht-Schall dann?

KNOPF: Ich habe festgestellt, dass Barbara Brecht-Schall meist gar nicht weiß, worüber sie spricht. Sie kennt noch nicht einmal die einschlägigen Ausgaben, die auf dem Markt sind und häufig so gar nicht von Brecht, sondern von den Herausgebern stammen. Dennoch hat sie immer versucht, in die Werkausgaben einzugreifen; und auch gegen meine aktuelle Brecht-Biografie versucht, Einspruch einzulegen, weil ich sie ihr nicht zur "Abnahme" vorlegt habe. Sie will alles "absegnen", weiß aber häufig gar nicht, was. So wird der alte Lehr- und Beton-Brecht nochmals zementiert.

Brecht ist dafür bekannt, viel zu zitieren, wie verhält sich das bei "Baal"?

KNOPF: Ausgerechnet der ist nun ein Originaldrama, das zwar auf Hanns Johsts Erfolgsstück "Der Einsame" schielte, um es so zu sagen, aber mit ihm fast nichts zu tun hat, weil Brecht hier am wenigsten fremde Texte übernahm. Was meist übersehen wird: Es spielt in einer Zeit, in der die Natur bereits endgültig beseitigt wird. Nicht umsonst stirbt Baal bei den Holzfällern, die ihn als kurioses Naturwesen auf dem "Aussterbeetat" einfach verrecken lassen. Das ist das Tolle an dem Stück, und nach allem, was ich über Castorfs Inszenierung gelesen habe, sieht er genau diese Qualitäten des Stücks und baut sie aus. Die Brecht-Erben sollen froh sein, wenn sich jemand dem so annimmt.

Verstehen Sie die Aktion des Suhrkamp Verlags?

KNOPF: Leider ist Suhrkamp ein bereitwilliger Erfüllungsgehilfe der Erben. Der Verlag macht, was das Werk Brechts anbetrifft, nur noch Mist. Da werden sogar die Notizbücher als neueste Sensation herausgebracht, in die Brecht alles Mögliche hineingeschrieben hat, das in vielen Fällen gar nicht von ihm stammt. Das nennt sich dann Textphilologie: zum Totlachen.

Was glauben Sie, wie würde Brecht die Angelegenheit sehen?

KNOPF: Genau wie ich. Er würde überprüfen, ob das künstlerisch in Ordnung ist. Denn Brecht, das wird leider oft vergessen, war in erster Linie ein Dichter und kein Ideologe. Mit Ideologie gibt es keine große Kunst; das ist höchstens gut gemeint, schadet aber der Kunst.

Info Jan Knopf, emeritierter Prof. am Karlsruhe Institute of Technology, ist Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht und Mitherausgeber der Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke Brechts.

Heute Verhandlung am Landgericht München

Die Inszenierung Viereinhalb Stunden lang kämpfen, zweifeln, singen, taumeln, vögeln die Menschen auf der Bühne - und auf Leinwand. Im dekonstruktiven Ansatz und im Einsatz seiner Mittel ist es vor allem ein echter Frank Castorf, der sich im Münchner Residenztheater unter dem Titel "Baal" abspielt. Das Jugenddrama von Bertolt Brecht (1898-1956), geschrieben 1918, hat der Berliner Regisseur in die Kriege um Indochina und Vietnam transponiert. Den Text durchsetzt er etwa mit Rimbaud, ins Bühnengeschehen montiert er Filmausschnitte aus "Apocalypse Now". Keine Überraschung für Castorf-Freunde, die ihn an diesem Abend im Umgang mit den Brecht-Texten sogar geradezu lyrisch erleben. Eine Überraschung offenbar für den Suhrkamp Verlag, der die Aufführung mit einem Antrag auf einstweilige Verfügung verbieten lassen will, wegen der Einarbeitung von Fremdtexten. Das Theater habe die Zustimmung dazu nicht eingeholt. Prinzipiell erlaube sie keine Hinzufügungen, sagte Erbin Barbara Brecht-Schall der "Süddeutschen Zeitung". Sie darf das, denn das Urheberrecht erlischt erst 70 Jahre nach dem Tod Brechts. "Völlig unverständlich" findet Intendant Martin Kusej den Einspruch. Das Theater habe den Rechteinhabern die Erarbeitung kenntlich gemacht, Castorfs Stil sei bekannt. Im Mai ist "Baal" zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ob man ihn dort sieht, könnte sich heute entscheiden.