Bei Klassikern im Theater versucht die Regie oft, den Schluss zu ändern, um dem Stück eine andere Wendung zu geben. Slavoj Zizek, wilder Denker und Starphilosoph, bietet in seinem ersten Theaterstück gleich drei mögliche Enden an: „Die drei Leben der Antigone“ ist eine Art Debatte über das Sophokles-Drama. Kein Kunstwerk, betont er, eher eine „ethisch-politische Übung“ im Sinne der Lehrstücke von Brecht. JOiN, die „Junge Oper im Nord“ der Staatstheater Stuttgart, hat nun ein Stück Musiktheater daraus gemacht. Das „Antigone-Tribunal“ hatte am Samstag Premiere.

Eine junge Frau, die gegen Männertyrannei aufbegehrt: Antigone, die ihren Bruder trotz staatlichen Verbots begräbt, ist eine Symbolfigur des Widerstands geworden. Von Racine bis Theodorakis – viele haben sich an dem Mythos abgearbeitet, auch rund 25 Opern gibt’s dazu. Jetzt noch eine? Die JOiN-Produktion ist Musiktheater im Kleinformat, mit Kammer­ensemble, Solisten und einem 20-köpfigen Bürgerchor – ein partizipatives Projekt.

Der Basler Aperghis-Schüler Leo Dick hat dazu Klänge komponiert, die Moderne mit Melodik verbinden und somit auch „niederschwellig“ zugänglich sein dürften, wie es so schön heißt.

Heraus kommt eine 80-Minuten-Oper, die den Mythos aufrollt unter dem Motto: Was wäre, wenn? Wenn Antigone sich selbst tötet, wenn sie überlebt, wenn das Volk mit allen kurzen Prozess macht? Blanka Rádóczys Regie verlegt die drei Schlüsse in ein Abrissareal mit Baugittern und geborstenem Beton.

Kreon (David Kang) ist ein stimmlich robuster Popstar in Purpur, Antigone (Carina Schmieger) singt kräftige Soprankantilenen auf dem schmalen Grat einer Mauer balancierend. Kniende Todeskandidaten und schwarze Müllsäcke erinnern an den Horror von heute. Und jede dieser Alternativen, auch die Schreckensherrschaft des Vuvuzela trötenden Volksgerichts, wird in ihrer fatalen Ambivalenz gezeigt.

Kurz: ein Abend, der Auswege sucht. Mit beklemmenden Szenen, aber auch mit Momenten einer leisen, ahnbaren Zukunftsmusik.