Zürich 80. Geburtstag des Schrifstellers Adolf Muschg

Teilte oft aus und musste entsprechend auch einstecken: Adolf Muschg.
Teilte oft aus und musste entsprechend auch einstecken: Adolf Muschg. © Foto: dpa
Zürich / PETER KOHL, KNA 13.05.2014
Fantasie, Streitlust, Dichtung und Geschichtskenntnis - stilsicher verbindet Adolf Muschg sie zu Literatur. Nun wird der kritische Denker 80.

Er wisse sehr wohl, dass sein neues Buch nicht das Zeug zum Bestseller habe, erklärte Adolf Muschg bei der Vorstellung seines bislang letzten Romans "Löwenstern". Aber im Alter nehme er sich die Freiheit, solche Nischen zu schaffen für sich und für Leute, die Spaß daran haben. Wenn er seinen Helden mit Goethe in Weimar und Kleist in Paris zusammentreffen lasse, dann sei das für ihn eine Form der Wunscherfüllung.

Muschg, der heute 80 Jahre alt wird, ist nie ein Autor gewesen, der es dem Leser leicht macht. Aber seine letzten Werke lassen in ihrer labyrinthischen Komplexität selbst gewiefte Literaturkritiker ratlos zurück. Einer davon hat für Muschgs Erzählweise sogar den Begriff "muschgeln" erfunden - und der ist nicht positiv gemeint.

Altersweise und gelassen ist Muschg nicht geworden. Er teilt aus und muss einstecken. Sei es, dass er Günter Grass Israelgedicht verteidigt oder die Schweizer Abschottungspolitik attackiert. Den stärksten Gegenwind erntete er aber, als er 2010 um Verständnis warb für Gerold Becker, Leiter der Odenwaldschule, der mehrere Schüler missbraucht hat, und für die in Misskredit geratene Reformpädagogik - unter Hinweis auf das pädagogische Eros in den Schriften Platons.

Muschg ist im Spagat zwischen Gelehrsamkeit und aktuellem gesellschaftspolitischen Engagement eine Ausnahmeerscheinung im deutschsprachigen Kulturraum; ein Poeta Doctus, der Literatur nicht nur produziert, sondern auch lehrt.

Nach dem Studium der Germanistik, der Anglistik und Philosophie in Zürich und Cambridge unterrichtete der Sohn eines Grundschullehrers aus Zollikon drei Jahre lang Deutsch an einer Oberrealschule. Danach schlug er die akademische Laufbahn ein. Nach diversen Lehraufträgen, die ihn nach Japan und in die USA führten, wurde er 1970 Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Technischen Hochschule Zürich. Die Professur, die er bis zu seiner Emeritierung 1999 innehatte, hinderte ihn nicht an einer Fülle anderer Aktivitäten.

1975 kandidierte er für die Züricher Sozialdemokraten erfolglos für den Ständerat, zwischen 1988 und 1993 moderierte er für den Südwestfunk die Fernsehsendung "Baden-Badener Disput". Schon in seinem ersten Roman "Im Jahr des Hasen" (1965), der ihm den Durchbruch bescherte, führt der Weg der Protagonisten, die in den Genuss eines Reisestipendiums kommen, nach Japan - einem Land, dem sich Muschg, der mit einer Japanerin verheiratet ist, sehr verbunden fühlt.

Die Literaturpreise ließen nicht auf sich warten. 1994 erhielt er den Georg-Büchner-Preis für seinem Roman "Der rote Ritter", eine ausufernde Neuinterpretation des mittelalterlichen "Parzival"-Epos.

Aufsehen erregte sein Rücktritt als Präsident der Akademie der Künste in Berlin 2005 nach zweieinhalb Jahren Amtszeit, weil er mit einer Satzungsänderung, die seiner Ansicht nach die Spaltung der Sparten vertiefte, nicht einverstanden war. Er dagegen hat seine Hoffnung auf ein Zusammenwirken der Künste und Künstler in der Gesellschaft gesetzt. Von seinen hohen Ansprüchen an die Kunst und an die Literatur lässt Muschg auch im Alter nicht: "Wir sind dafür da, Fiktives und Monströses zu versuchen. Wir sind keine Pragmatiker. Unser Arbeitsprodukt ist nicht messbar, aber es wiegt im Bewusstsein."

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