Stuttgart 15 Museen widmen sich dem Kunsthändler Alfred Flechtheim

Stuttgart / LENA GRUNDHUBER 09.10.2013
Offensive in einem schwelenden Streit: Während Alfred Flechtheims Erben Werke aus Museen zurückfordern, präsentieren 15 Häuser ein Gemeinschaftsprojekt zu dem legendären Kunsthändler.

Ein Bild aus guten Tagen: "Martha" zeigt eine junge Frau, die sich - man weiß nicht recht - an- oder auszieht. Sie trägt Bubikopf, ganz nach der Mode von 1925. Damals, in den guten Tagen des Künstlers Karl Hofer, bevor die Nazis ihn als "entartet" diffamierten. In den 20er-Jahren hatte Hofer Erfolg. Ein Indiz dafür: Seine Werke wurden von niemand geringerem als Alfred Flechtheim vertreten. Auch seine "Martha", weshalb das Werk der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe nun Zentrum einer Kleinst-Präsentation dort ist - allerdings nicht zu Ehren des Künstlers, sondern zu Ehren des Künstler-Machers.

Von heute an widmen sich 15 Museen in Deutschland und der Schweiz dem Mann, der den rheinischen Expressionismus und die französischen Kubisten in Deutschland bekannt gemacht hat, dem Galeristen von Picasso und Klee: Alfred Flechtheim (1878-1937). Die Häuser zeigen jeweils Werke, die einmal durch die Hände dieses wichtigsten Galeristen der Weimarer Republik gegangen sind.

Zum Hundertjährigen der ersten Flechtheim-Galerie in Düsseldorf startet das Projekt. Im Internet ist die Website www.alfredflechtheim.com freigeschaltet: Hier sind die 324 Werke mit ihrer Herkunft dokumentiert. In Karlsruhe hat Provenienzforscherin Tessa Friederike Rosebrock mit "Martha" ein Bild Flechtheimscher Herkunft aufgetan. Gerne hätte sie mehr gefunden: "Wenn wir damals mehr bei Flechtheim gekauft hätten, hätten wir heute mehr Kubisten." Zum Glück sei dieses Bild "definitiv komplett unbelastet". 1928 hatte der Kunsthändler es verkauft, fünf Jahre vor der finsteren Zeit, die den Umgang mit seinem Erbe bis heute so kompliziert macht.

Denn das Projekt der 15 Ausstellungshäuser ist auch als Offensive in einem schwelenden Streit zu sehen. Seit einiger Zeit fordern die Erben Alfred Flechtheims einzelne Werke aus dem Besitz des Kunsthändlers zurück. Erst vergangenen Juni musste Köln ein Bild von Kokoschka zurückgeben. Die Frage, die im Raum steht: Welche der Werke in den Ausstellungshäusern sind rechtmäßig dort, welche sind mehr oder weniger Raubgut aus dem Besitz eines verfolgten Juden?

Denn Alfred Flechtheim und seine Kunst sind Opfer der Nazi-Zeit. Als Jude war der Avantgarde-Galerist zwar frühzeitig 1933 Richtung London geflohen. Seinen Kunstbestand aber konnte er nur zum Teil retten. Die Galerien in Düsseldorf und Berlin wurden aufgelöst oder von anderen übernommen, Werke wurden verschleudert, die in seiner Wohnung verbliebenen wurden beschlagnahmt, nachdem sich seine Ehefrau Betty 1941 vor der drohenden Deportation das Leben genommen hatte. Die Kunst hat es in alle Winde zerstreut, sie ist durch so manche Hände gegangen, bevor sie zum Teil in Museen landete.

Die Flechtheim-Erben sehen das Ausstellungsprojekt deshalb kritisch. Sie seien in der Sache nicht einbezogen worden, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung. Nach den Angaben wird gegenwärtig um mehr als ein Dutzend Arbeiten mit einigen Museen gestritten, andere gelten als Verdachtsfälle.

Die Staatsgalerie Stuttgart, die sich ebenfalls an der Ausstellungsreihe beteiligt, ist nicht von Rückgabe-Ansprüchen betroffen. Hier sieht man das Projekt als Ausdruck eines Willens zu Transparenz. Es gehe darum, eben nicht einfach eine abwartende Haltung zu demonstrieren - im Gegenteil: Von der Website erhoffe man sich neue Erkenntnisse.

Alle sieben Werke, die man nun zeige, stammten aus der kunsthändlerischen Aktivität Flechtheims und seien vor 1933 erworben worden. Außerdem dokumentiert das Haus fünf Werke, die nicht mehr da sind - weil sie von den Nazis beschlagnahmt wurden oder im Krieg verloren gegangen sind.

Die kleine Schau zeigt den Stand vierjähriger Provenienzforschung. Dass in den Beständen des Stuttgarter Museums eines Tages doch noch ein fragwürdiges Flechtheim-Bild auftaucht, kann indes niemand ausschließen.

Ausstellungen in Deutschland und der Schweiz
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel