Falls sich mal eine Gelegenheit in Hollywood ergibt, dann müsste es für Katharina Thalbach eine Rolle sein, die nur sie spielen kann.

„Also ich weiß nicht: Ein Wurzelwesen mit deutschem Akzent, das die Welt untergräbt und getötet werden muss, aber so listig ist, dass man es bis zum Mittelpunkt der Erde suchen muss“, sagt sie. „Das würde ich sofort machen.“

Die Berlinerin wird an diesem Samstag (19. Januar) 65 Jahre alt. Thalbach hat als Kanzlerin regiert, als König Friedrich II. gewütet und als Schleckerfrau Kittelschürze getragen. In Schlöndorffs „Blechtrommel“ schleckt das kleine Oskarchen ihr Brausepulver aus dem Bauchnabel.

„Ich muss wirklich sagen: Ich hatte das große Glück, dass die Dinge immer zu mir gekommen sind“, sagt Thalbach heute. Die Frau mit den Kulleraugen und der charmant-kratzigen Stimme sitzt in einem Raum des Berliner Schillertheaters, wo sie gerade für ihr neues Stück probt. Sie ist kleiner als man denkt, aber eine deutsche Schauspielgröße, die auch selbst Stücke inszeniert.

Geboren wird Thalbach 1954 im Osten Berlins. Manchmal klingt es nach ziemlicher Floskel, wenn es heißt, jemand komme aus einer Künstlerfamilie. Bei Thalbach stimmt es. Sie ist die Tochter des Schweizer Regisseurs Benno Besson und der Brecht-Darstellerin Sabine Thalbach. Sie tritt schon als junges Mädchen im Theater auf.

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter nimmt Brecht-Witwe Helene Weigel sie künstlerisch unter ihre Fittiche. Mit 15 debütiert sie als Hure Betty in Brechts „Dreigroschenoper“. Schnell avanciert das Mädchen mit der losen Berliner Schnauze in der DDR zum Theaterstar. Sie spielt auch in Literaturfilmen wie „Die Leiden des jungen Werther“.

Heute freut es sie, dass im Kino und im Theater Geschichten aus der DDR erzählt werden. „Ich habe die DDR miterlebt. Ich habe sie verlassen. Ich habe auch unter ihr gelitten“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Aber sie habe durchaus auch sehr gute Erinnerungen an die DDR und sei froh, 22 Jahre dort verbracht zu haben.

Dann kommt es zum Bruch. Zusammen mit dem Schriftsteller und DDR-Kritiker Thomas Brasch siedelt sie von Ost- nach West-Berlin über, nachdem Brasch im SED-Staat nicht mehr veröffentlichen darf. Bis heute ist Berlin ihr Zuhause.

Gerade probt Thalbach das Stück „Hase Hase“ für die Kudammbühnen. Ein Theaterstück, in dem sie schon vor fast 30 Jahren mitgespielt hat. Regie führte damals ihr Vater Benno Besson, geschrieben ist es von Coline Serreau. Auch Serreau und Besson waren mal verbandelt.

Die Premiere einen Tag nach Thalbachs Geburtstag wird auch diesmal zur Familienangelegenheit, denn es stehen Thalbachs Halbbrüder Pierre Besson, Philippe Besson und Nathanael Serreau, ihre Tochter Anna Thalbach und ihre Enkelin Nellie mit auf der Bühne. „Was natürlich so ganz neu ist: Dass wir dieses Mal alle Kollegen sind. Diesmal mache ich ja nicht Regie und bin nicht der Boss“, sagt Thalbach.

Mit dabei sind auch Markus Völlenklee, mit dem Thalbach mal liiert war, und Brecht-Enkelin Johanna Schall. „Also insofern: Es ist ja kaum jemand nicht Familie. Und die drei, die mitmachen und nicht Familie sind, die sind adoptiert worden“, sagt Thalbach. Ihre Tochter hat mal über sie gesagt, es stimme, sie sei tough, aber wahnsinnig gerecht, rücksichtsvoll, zärtlich und liebevoll.

Mit Mitte Sechzig spielt Katharina Thalbach auf der Bühne nun jedenfalls einen Jungen mit Hasenzähnen, der eigentlich ein Außerirdischer ist. „Bei einem Außerirdischen gibt es andere Maßstäbe mit dem Alter“, sagt Thalbach. Dass sie älter wird, scheint sie nicht zu stören. „Die klassische Schönheit ist natürlich hinfort. Aber da ich damit eh nie so gesegnet war, ist mir das auch wurscht.“

Sie kann dem Älterwerden auch Gutes abgewinnen: Man sehe die Dinge nicht mehr so verbissen, der Ehrgeiz sei nicht mehr da. Es gebe viele Dinge, die ihr Freude machten, Reisen und Essen zum Beispiel. Steht noch eine große Wunschrolle auf ihrem Zettel? „Ich wüsste jetzt nicht zu sagen: 'Bitte schenk mir doch kurz bevor ich sterbe nochmal diese oder jene Rolle.' Ich harre der Dinge“, sagt Thalbach. „Ich bin ja noch jung. Da kann ja noch viel passieren.“