Oscar-Nominierung Henckel von Donnersmarck: „Ich bin da sowieso gelassen“

Florian Henckel von Donnersmarck ist mit „Werk ohne Autor“ im Oscar-Rennen. Foto: Annette Riedl
Florian Henckel von Donnersmarck ist mit „Werk ohne Autor“ im Oscar-Rennen. Foto: Annette Riedl © Foto: Annette Riedl
Los Angeles / Interview: Barbara Munker, dpa 23.01.2019

Gerade erst konnte sich Florian Henckel von Donnersmarck über seine zweite Oscar-Nominierung freuen: „Werk ohne Autor“ gehört zu den fünf Finalisten in der Sparte „bester nicht-englischsprachiger Film“.

Ende Januar läuft der Film mit dem englischen Titel „Never Look Away“ nun erst einmal in New York in den Kinos an, ab Februar ist er auch in anderen US-Städten zu sehen. Die Deutsche Presse-Agentur traf den 45-Jährigen vergangene Woche - noch vor den am Dienstag bekanntgegebenen Oscar-Nominierungen - in San Francisco, wo er seinen Film vorstellte.

Frage: „Werk ohne Autor“ läuft in Kürze in den USA an. Wird der Film hier anders vermarktet und aufgenommen als in Deutschland?

Antwort: Er wird hier anders präsentiert als in Deutschland. Der Trailer, der in Deutschland gemacht wurde, ist ganz anders als der amerikanische Trailer - in Sachen Trailer haben die Studios ja vollkommene Hoheit. Der deutsche Trailer präsentiert eher einen düsteren Film, eine Art tragischen Thriller. Ich glaube nicht, dass das wirklich dem Wesen des Films entspricht. Hier in den USA gehen sie viel mehr auf das Positive und Hoffnungsvolle und auf die Selbstfindung des Künstlers ein. Die beiden Trailer zu vergleichen ist fast schon eine Studie in den Unterschieden zwischen den Ländern.

Frage: Der Film ist 189 Minuten lang und hat ein R Rating bekommen, wonach Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren ihn nicht ohne Begleitung eines Erwachsenen im Kino sehen dürfen. Könnte das seine Chancen auf dem US-Markt schwächen?

Antwort: Das R ist wegen der expliziten Sex-Szenen. Es ist hier noch keiner auf mich zugekommen, dass der Film zu lang ist. Es gibt hier in den USA auch eine Tradition von längeren Filmen, darunter sind anspruchsvolle Dramen wie „Schindlers Liste“ oder „Titanic“, die deutlich länger sind als unsere Filme. Ich habe noch nie einen Film gesehen, den ich mochte, der mir zu lang war. Und ich habe noch nie einen Film gesehen, den ich nicht mochte, der kurz genug war. Länge ist eine völlig subjektive Sache.

Frage: Was bedeutet eine Nominierung für Preise wie den Golden Globe oder Oscar?

Antwort: Solche Sachen sind vielleicht noch wichtiger als vor zehn Jahren, weil die Welt, in der wir leben, einfach sehr laut geworden ist - so viele Medien, so viele Inhalte. Man braucht irgendetwas, um einem Film, der einen komplexen Inhalt hat, zu einer Sichtbarkeit zu verhelfen. Da hilft es natürlich, wenn der Verleih auf das Plakat schreiben kann „für einen Golden Globe oder einen Oscar nominiert“.

Frage: Gehen Sie die Filmpreis-Saison jetzt gelassener an - nach dem Oscargewinn vor zwölf Jahren mit „Das Leben der Anderen“?

Antwort: Ich bin da sowieso gelassen. Ich bin ein optimistischer Mensch - aber nur für Sachen, die ich kontrollieren kann. In Dingen, die ich nicht kontrollieren kann, gehe ich immer von einem schlechtesten Resultat aus beziehungsweise von gar keinem. Ich bin fest davon ausgegangen, dass wir nicht der deutsche Oscarbeitrag werden - es gab ja in dem Jahr genügend starke deutsche Filme, ich war sehr positiv überrascht, als wir ausgewählt wurden. Ich hatte nicht gedacht, dass wir für den Golden Globe nominiert werden, das war auch eine freudige Überraschung.

Frage: Sie können als Mitglied der Academy auch über die Oscars mit abstimmen - wie wichtig ist das für Sie?

Antwort: Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es für einen Film bedeuten kann, nominiert und ausgezeichnet zu werden. Im Falle von „Das Leben der Anderen“ hat erst diese Nominierung und dann Auszeichnung im eigenen Land zu den höheren Besucherzahlen geführt. Ich erinnere mich, als Fatih Akin, der ja wirklich einer unserer besten und international erfolgreichsten Regisseure ist, bei den Golden Globes im vorigen Jahr ausgezeichnet wurde. Da war sein erster Satz bei der Dankesrede „Das bedeutet 100.000 mehr Zuschauer in Deutschland“. Das fand ich wahnsinnig sympathisch, dass er als erstes daran denkt, dass dieser in Los Angeles verliehene, internationale Preis ihm vor allem in Deutschland helfen wird. Unser Film „Das Leben der Anderen“ wäre bestimmt nicht überall in der Welt gezeigt worden, wenn er nicht nominiert worden wäre. Danach wurde er in Länder verkauft, die ihn sonst nicht hätten vermarkten können.

Frage: Sebastian Koch wurde durch „Das Leben der Anderen“ weltweit bekannt. Könnte das nun auch „Werk ohne Autor“-Hauptdarsteller Tom Schilling passieren?

Antwort: Ich würde mir das wünschen. Er hat auf jeden Fall das Zeug zum internationalen Star. Die Reaktionen auf sein Spiel sind sehr gut. Er ist einfach ein großartiger Schauspieler, ein sehr subtiler, genauer, kluger und ehrlicher Schauspieler und ein besonders angenehmer Mensch. Ich würde ihn auf jeden Fall sofort wieder besetzen, auch in einem amerikanischen Film. Ich denke mir, er wäre zum Beispiel ein großartiger Westernheld. Ein deutschstämmiger Sheriff, den jeder unterschätzt, weil er zurückhaltend ist und nicht aussieht wie Dwayne Johnson. Der aber gerechter ist und besser schießen kann als sie alle.

ZUR PERSON: Florian Henckel von Donnersmarck, 45, studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Dort drehte er zahlreiche Kurzfilme und gewann damit bei Festivals einige Preise. Sein erster Langfilm war dann zugleich sein Abschlussfilm an der HFF München: „Das Leben der Anderen“. Das Werk über einen Spitzel der Stasi gewann international zahlreiche Preise, darunter 2006 den Deutschen Filmpreis und 2007 den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. 2010 kam „The Tourist“ mit Angelina Jolie und Johnny Depp in die Kinos. „Werk ohne Autor“ ist der dritte Spielfilm des Regisseurs. Er lief in Deutschland im Oktober in den Kinos an.

US-Verleih von Never Look Away

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