Filmklassiker „Lola rennt“ schon 20 Jahre

Lola (Franka Potente) hat es ziemlich eilig. Foto: X-Verleih
Lola (Franka Potente) hat es ziemlich eilig. Foto: X-Verleih © Foto: -
Berlin / Von Gregor Tholl, dpa 19.08.2018

Und die Rothaarige läuft, läuft, läuft durch Berlin: Vor 20 Jahren kam „Lola rennt“ ins Kino. Das rasante Werk von Tom Tykwer setzte ästhetisch Maßstäbe. Spätestens seit diesem Film ist Deutschlands Hauptstadt international wieder zurück in der Kinematografie und gilt als cool.

Mehr als 2,2 Millionen Kinogänger wurden damals in Deutschland gezählt. Das Jubiläum ist ein guter Anlass, den Kultfilm noch einmal anzugucken, bevor bald das neue Berlin-Werk von Tykwer, „Babylon Berlin“, im ARD-Fernsehen kommt.

STORY: Erzählt wird die Geschichte vom Kleinkriminellen Manni und seiner Freundin Lola. Manni (Moritz Bleibtreu) jobbt als Geldbote für einen Autoschieber. Ganz aufgelöst ruft er aus einer Telefonzelle bei Lola (Franka Potente) an, denn er hat soeben eine Tüte mit 100.000 D-Mark (also etwa 51 000 Euro) verloren beziehungsweise in der U-Bahn liegenlassen. Sein Boss will das Geld aber in 20 Minuten abholen. Die U-Bahn benutzte Manni übrigens nur, weil Lola ihn nicht abholte, was daran lag, dass jemand ihr Moped gestohlen hat. Wenn Manni aber nun das Geld nicht gleich hat, muss er mit dem Leben bezahlen. Lola rennt los, um das Geld aufzutreiben. Manni kündigt an, um Punkt 12 Uhr in seiner Verzweiflung einen Supermarkt zu überfallen, wenn sie bis dahin nicht bei ihm sei. Als Lola ankommt und mit ihm vor der Polizei fliehen will, fallen Schüsse. Genau in dem Moment geht es filmisch nochmal von vorne los. Ein weiteres Mal haben beide 20 Minuten Zeit, um das Geld zu besorgen. Und schließlich ein drittes Mal rennt Lola los. Kleinste Veränderungen haben dabei jeweils große Folgen.

STIL: Der Film - gedreht im Sommer 1997 - war 1998 eine audiovisuelle Offenbarung in Farbe, Schwarzweiß, mit Zeitlupen, Zeitraffern, Zeichentrick und digitalen Effekten. Der Soundtrack ist von Technobeats geprägt, das Lied „Wish (Komm zu mir)“ mit Sprechgesang von Thomas D und Franka Potente hat eine fast hypnotische Wirkung. Strukturell inspirieren lassen mit den drei Versionen einer Geschichte hat sich Krzysztof-Kieślowski-Fan Tykwer wohl vom Film „Der Zufall möglicherweise“ dieses polnischen Regisseurs.

KRITIK: Die Medien waren sich damals recht einig mit positivem Echo. Die Deutsche Presse-Agentur nannte den Film ein „bravouröses Gesellenstück“. Im „Lexikon des internationalen Films“ heißt es: „Unter Einsatz verschiedenster formaler Mittel erzeugt der Regisseur überaus geschickt einen stakkatoartigen Rhythmus, der sich zu einem mitreißenden, formal brillanten visuellen Feuerwerk verdichtet.“

PREISE: Auch wenn der Film bei den Filmfestspielen von Venedig und später bei den Oscars leer ausging, erhielt er doch 1999 den deutschen Filmpreis in Gold, der heute übrigens Lola heißt, natürlich nicht nur wegen „Lola rennt“, sondern auch wegen der von Marlene Dietrich verkörperten feschen Lola im Klassiker „Der blaue Engel“.

DREHORTE: Wer Berlin kennt, kann sich bei Bedarf über Lolas Laufstrecke aufregen, denn sie ist so nicht in der Zeit abzulaufen. Zu sehen ist zum Beispiel die Oberbaumbrücke über die Spree zwischen Kreuzberg und Friedrichshain im Osten der Innenstadt. Der Supermarkt ist dagegen ein früherer Bolle-Markt in Charlottenburg, etwa elf Kilometer entfernt. Szenen in einer fiktiven Bank, in der Lolas Vater arbeitet, wurden dagegen in Mitte gedreht am Bebelplatz an der Prachtstraße Unter den Linden, wo sich heute ein Luxushotel befindet.

HOMMAGE: Der Film hat seinen Platz in der Film- und Popgeschichte gefunden und auch viele Fans in den USA. Bestes Beispiel: Die Zeichentrickserie „Die Simpsons“ widmete ihm eine Folge. In der Episode „Trilogy of error“ wird dreimal die Geschichte eines Tages erzählt, einmal aus der Sicht von Vater Homer, einmal mit Sohn Bart und einmal mit Tochter Lisa. Lisa läuft dabei zur Filmmusik von „Lola rennt“ (englisch übrigens „Run Lola Run“) durch Springfield.

AKTUALITÄT: Interessant wird es bei der Frage, wie der Film heute wirkt. Spannend ist er noch, doch trotz seiner damaligen Modernität haben ihn technische Entwicklungen eingeholt. Die ganze Dramatik ist stark an die 90er Jahre gebunden, allein wenn man den Umstand bedenkt, dass die Grundsituation, also Mannis Dilemma, mit einem Smartphone zu verhindern gewesen wäre. Manni hätte Lola schon viel früher anrufen oder antexten können oder sich per App ein Taxi bestellt und nicht die U-Bahn genommen. Außerdem hat sich Berlin auffällig verändert: Im Film ist eine recht leere Stadt mit Brachen und Baustellen zu sehen. Migranten scheint es nicht zu geben. Und wie so oft in Filmen läuft einiges mit zuviel Zufällen und Glück ab, vor allem in der letzten Episode. Aber Filme dürfen das. Lola kann schließlich auch wie der kleine Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“ mit ihrer Stimme Glas zerspringen lassen.

"Lola rennt" bei X-Verleih

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