Sonderveröffentlichung: 8. Ulmer Denkanstöße 11. bis 14. März 2015 Umgang mit Verantwortung

LEONHARD FROMM 07.03.2015
Welche Verantwortung jeder Einzelne und unser Gesellschafts- sowie Wirtschaftssystem hat, beleuchten die 8. Ulmer Denkanstöße vom 11. bis 14. März
Von Donnerstag bis Samstag dürfte es im Ulmer Stadthaus am Münsterplatz erfahrungsgemäß wieder eng werden, wenn Philosophen, Strafrechtler oder Ökonomen aus ihrer Sicht über Verantwortung referieren. In sechs Veranstaltungen mit zehn Referenten beleuchtet das interdisziplinäre Projekt der Stadt Ulm, der Universität Ulm und der Sozialstiftung der Sparda-Bank kontrovers, ob und wie viel Verantwortung der Einzelne an weltweitem Terrorismus, Umweltzerstörung, Kinderarmut, Massentierhaltung oder am mangelnden Zusammenleben in der Stadtgesellschaft hat. Denn eine Erkenntnis hat sich bereits manifestiert: Die Lebenskomplexität steigt und Unachtsamkeit oder Gier bringen die Welt aus dem Lot. 
Den Auftakt am Donnerstag um 19.30 Uhr macht Eberhard Stilz. Der Präsident der Stiftung Weltethos, deren Grund der Tübinger Theologe Hans Küng 1990 mit seinem Buch „Projekt Weltethos“ gelegt hatte, spricht über Selbst- und Weltverantwortung. Als Präsident des Staatsgerichtshofes wird der Jurist staatsphilosophische Betrachtungen anstellen, deren Wurzeln in die griechische Antike reichen. Am Freitag und am Samstag beleuchten ab 14 Uhr je drei Referenten das Thema, die anschließend je eine Stunde mit den Zuhörern ihre Thesen diskutieren. Am Freitag sind dies unter dem Aspekt Gesellschaft der Münsteraner Philosophieprofessor Kurt-Otto Bayertz, der Ulmer Direktor der Frauenklinik Wolfgang Janni und der Berliner Psychotherapeut Michael Wolf. Um 17 Uhr spricht der Drehbuchautor und Anstaltsarzt Dr. Joe Bausch, bekannt als Kölner Tatort-Pathologe, über moderne Therapieformen im Strafvollzug. Der Samstag widmet sich Verantwortung in der Wirtschaft. Impulsreferate halten der Aufsichtsratsvorsitzende der Robert Bosch GmbH, Franz Fehrenbach, der Ulmer Familienunternehmer Werner Utz und der Ulmer Professor für Nachhaltigkeit, Martin Müller. Ab 17 Uhr philosophiert der Wiener Ethik-Professor Konrad Paul Liessmann über die Grenzen unserer Verantwortlichkeit und unsere Vorbestimmtheit. „Das werden wieder spannende vier Tage“, verspricht Renate Breuninger. 
Eröffnet werden die Denkanstöße traditionell mit einer Filmvorführung im Xinedome. Gezeigt wird „Can’t by silent“ von Musiker Heinz Ratz. Er hat 80 Asylbewerberheime in Deutschland besucht und dort Musiker von Weltklasseformat gefunden: Sänger, Musiker, Rapper und doch Ausgeschlossene und Abgeschobene. Ein Film, der auffordert hinzuschauen und hinzuhören und sich mit der Asylpolitik der Bundesrepublik und ihrer Realität auseinanderzusetzen. Am Freitagabend beschäftigt sich das Theaterstück „Selbstlernmodul 6: Jugendgewalt“ unter der Regie von Theaterpädagogin Barbara Frazier mit (Ab-)Gründen. Was passiert, wenn Power-Point-Präsentation und Modulstrukturen auf die Lebensrealität von sechs jungen Männern treffen? Fragen nach der Schuld des Einzelnen, nach der Rolle der Gesellschaft; Eingeständnisse und die Suche nach Verantwortlichen bilden die Grundlage dieses biographischen Stücks. Das Besondere der Inszenierung ist, dass sie speziell für die 8. Ulmer Denkanstöße entwickelt wurde. 
Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei. Spenden werden für die Ulmer Kulturloge erbeten, die Geringverdienern Zugang zu Kulturveranstaltungen ermöglicht. 

Ausführliche Informationen unter: www.ulmer-denkanstoesse.de

 

„Keine Alternative zu Resozialisierung“

Tatort-Pathologe Joe Bausch fordert mehr Professionalität in Täter-Therapie

Die meisten kennen Joe Bausch als Kölner Tatort-Pathologe. Tatsächlich ist der 61-jährige Schauspieler seit 26 Jahren Arzt in der Justizvollzugsanstalt in Werl. Mit dem Leitenden Regierungsmedizinaldirektor sprach Leonhard Fromm über Verantwortung.

Herr Bausch, was erwartet die Zuhörer bei Ihrer Lesung bei den Ulmer Denkanstößen?
Joe Bausch: In meiner Lesung wie in meinem Buch „Knast“ geht es um Verantwortung. Darum, wie wir Täter zur Verantwortung ziehen; aber vor allem, wie wir mit ihnen umgehen, wenn wir sie quasi weggesperrt haben. Nutzen wir diese Zeit, um sie zu resozialisieren, um sie zu befähigen, nach ihrer Haftentlassung ein straffreies Leben zu führen? Selbstverständlich werde ich auch mit etlichen Stammtischparolen aufräumen, die sicher auch in Ulm kolportiert werden.
Zunächst kurz zu Ihrer Person. Wie haben Sie mit den Gefangenen Kontakt?
Bausch: Ich bin in der JVA der Allgemeinmediziner, der jeden untersucht, der zu ihm kommt. Ich bin aber kein Therapeut, wenngleich mir viele diese Befähigung mittlerweile attestieren. Denn ich höre und sehe wirklich sehr viel. In der JVA bin ich der Einzige, vor dem sich die Gefangenen im Rahmen einer medizinischen Untersuchung freiwillig entkleiden oder anfassen lassen. Das ist oft der Einstieg, mir mehr zu erzählen als der Körper sagt. Entbindet mich mein Patient von der Schweigepflicht, kann ich ihm Hilfe vermitteln vom Therapeuten bis zum Sozialarbeiter oder mit seinem Anwalt sprechen.
Wie lautet Ihre Hauptkritik am gängigen System?
Bausch: Wir reden viel über Tätertherapie und Resozialiserung. Fakt aber ist, dass zum Beispiel in NRW für gut 17.000 Inhaftierten gerade mal 500 sozialtherapeutische Behandlungsplätze zu Verfügung stehen. Für bundesweit 80 000 Insassen von Gefängnissen nur etwa 1500. Damit erreichen wir längst nicht alle Gewalt- und Intensivstraftäter, die deshalb oft zwei, drei Jahre nur im Knast herumhängen, ohne dass irgendetwas passiert. So lernt kein Einziger, mit seiner Aggression umzugehen.
Wie steht es um deren Motivation, sich zu ändern?
Bausch: Die geht oft mit dem Warten verloren. Dabei wäre ein größeres Therapieangebot kostenneutral, wenn wir unsere Ressourcen umswitchen. Mancher Gewalttäter blockiert in der Forensik teure Therapieplätze, weil er sich auf keine Therapieangebote einlassen will. Die Motivation, im Knast etwas zu machen, liegt zunächst in Hafterleichterungen oder geringerem Strafmaß. Ein Häftling braucht andererseits ein, manchmal mehr Jahre, bis er mental im Knast angekommen ist und hier seinen Platz gefunden hat. Denn viele werden zu Beginn häufig verlegt. Wenn die dann erst einmal ein Gefühl dafür entwickelt haben, wie lange acht, zehn oder zwölf Jahre sind und warum sie hier einsitzen, wäre oft genügend Motivation da.
Knast ist Ländersache. Gibt es Unterschiede?
Bausch: Bremen, NRW oder Bayern sind in Teilen vorbildlich. Auch Baden-Württemberg. Andere Länder wie Mecklenburg-Vorpommern mit wenig Geld und viel Fläche und somit zu wenigen Häftlingen haben enorme Defizite. Wichtig wäre zum Beispiel, endlich mal fundiert bundesweit zu analysieren, welche Methode bringt was und mehr Kontinuität und Wissenschaftlichkeit in die Thematik zu bringen. Vieles ist an einzelne, engagierte Personen gebunden statt an Strukturen, die deren Präsenz überdauern. Dasselbe gilt für politische Konstellationen und deren Opportunitäten.
Geht es etwas genauer?
Bausch: Als Arzt muss ich auch dokumentieren, so dass ein anderer Arzt auf Grund der Patientenakte nahtlos weiter behandeln kann. In der Straftätertherapie passiert noch zu viel aus Launen heraus. Wir sollten in einzelnen JVAs Schwerpunkte setzen und dort bestimmte Therapieformen konsequent durchziehen statt überall ein bißchen zu machen, um festzustellen, dass nichts funktioniert. Wir sollten uns mit Hochschulen, externen Therapeuten und EU-weit mit JVAs vernetzen, um mehr Know-how zu bekommen und Ergebnise und Qualität sauberer dokumentieren.
Sie haben täglich mit den Tätern zu tun. Wo bleiben in Ihrer Sicht die Opfer?
Bausch: Wir haben keine Alternative, auch im Interesse der Opfer. Im Knast haben wir die Täter unter unserer Aufsicht. Hier können wir ihnen helfen und sie therapieren, damit sie draußen keine tickenden Zeitbomben mehr sind. Deshalb müssen frühere Opfer die ersten Befürworter sein, damit es keine weiteren Opfer gibt. Wir müssen aufhören, beide Gruppen gegeneinander auszuspielen. Beide sind Teil unserer Gesellschaft.
Und wie viele Täter waren in Wahrheit zunächst selbst Opfer?
Bausch: Europaweit ergeben alle wissenschaftlichen Untersuchungen über Biographien, dass 40 Prozent Täter wurden, weil sie vernachlässigt, gequält oder verhöhnt wurden. Aggression wurde förmlich in sie hinein geprügelt. Das ist keine Entschuldigung, aber ein erhöhtes Risiko. Wenn uns anderen solches erspart blieb  oder wir anders damit umgingen, dürfen wir uns freuen. Den Tätern deswegen Hilfe verweigern, dürfen wir aber nicht. Und wenn ein 14-jähriger Straftäter knapp zwei Jahre auf einen Platz in der Jugendpsychiatrie warten muss, hat sich seine Täterbiographie längst verfestigt.
Was ärgert Sie am meisten?
Bausch: Die Betroffenheitskultur nach Verbrechen. Ich kann die Meere aus Plüschtieren, Blumen und brennenden Kerzen an Tatorten nicht mehr sehen. Sie kotzen mich an. Die Verbrechen geschehen jeden Tag mitten unter uns. Die Täter leben unter uns. Aber wir schauen weg. In der Familie, der Nachbarschaft und im Bekanntenkreis. Wir sollten aber hinschauen, uns einmischen und Zivilcourage zeigen. Wir können nicht neben jeden auffälligen Jugendlichen einen Sozialarbeiter oder Polizisten stellen, aber uns einbringen, ihn mitnehmen. Deshalb komme ich auch nach Ulm.

Zur Person:
Joe Bausch studiert in Köln und Marburg u.a. Theaterwissenschaften und Jura und in Bochum anschließend bis 1985 Medizin. Der gebürtige Westerwälder heiratet 1986 und hat eine Tochter. Ab 1986 ist er Anstaltsarzt in Werl, worüber er das Buch „Knast“ schreibt. Seit 1997 ist Bausch u.a. als Tatort-Pathologe Dr. Joseph Roth in TV-Produktionen zu sehen. Mit den Tatort-Kommissaren Klaus J. Behrend und Dietmar Bär gründet er 1998 einen Verein für philippinische Straßenkinder, nachdem das Trio den Tatort „Manila“ gedreht hatte. 2006 empfängt Bausch eine internationale Auszeichnung für Verdienste um einen humanen Strafvollzug, 2013 das Bundesverdienstkreuz.
 

Jeder Einzelne ist gefordert

Identität durch Handlungen gewinnen

Eine radikale Rückbesinnung auf die Verantwortung des Einzelnen fordert der Wiener Ethik-Professor Konrad Paul Liessmann. 
Der 61-jährige Liessmann, der als Student Marxist-Leninist war, kritisiert im Kontext von Schuld und Verantwortung, dass sich der Einzelne hinter der Gesellschaft versteckt, die ihn kollektiv und anonym entschuldigt, statt seine konkrete Verantwortung zu übernehmen. „Wir sollten schon im Kindergarten unseren Kindern die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung wieder klar verdeutlichen,“ sagt der Professor, der in Wien Methoden zur Vermittlung von Philosophie und Ethik lehrt.
Es sei kein Verbrechen, 20 000 Kilometer im Jahr mit dem Auto zu fahren. Wenn dies aber 40 Millionen Mitbürger auch so machen, müsse jedem klar sein, dass unser Gemeinwesen die Klimakatastrophe beschleunigt, die er mit verantwortet. Jeder Einzelne sei gefordert, mit Bus und Bahn zu fahren, Mitfahrgelegenheiten zu organisieren, ein emissionsfreies Auto zu fahren oder ganz auf Fahrten zu verzichten. 
„Wir dürfen uns nicht länger dahinter verstecken, dass es alle so machen“, sagt Liessmann. Denn unsere Fahrlässigkeit produziere ständig neue Probleme, wie zum Beispiel Armutsflüchtlinge, die „bald millionenfach vor unserer Tür stehen, wenn wir nicht endlich vernünftig werden.“ Auch der 20. Welt-Klimagipfel werde keine Lösung bringen, wenn sich nicht der Einzelne ändert. Und das sei ganz persönlich seine Verantwortung.
Das Gegenteil passiere in denselben Gesellschaften: Politik, Wirtschaft und Bildung diskutierten sich die Köpfe heiß, warum nicht mehr Frauen Naturwissenschaften studieren. Quoten würden eingeführt und Schuldige gesucht. „Aber niemand kommt auf die Idee, die Entscheidung der 18-jährigen Frauen zu akzeptieren, die nun mal nicht Mathematik oder Ingenieurwesen studieren wollen“, sagt Liessmann, der 2006 in Österreich zum „Wissenschaftler des Jahres“ gewählt worden war.
Der Autor von „Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift“, hält am Samstag um 17 Uhr den Abschlussvortrag zu den 8. Ulmer Denkanstößen.
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