Barbara Schilling Umfrage: Früherer Beginn ist besser

BEATE ROSE 14.09.2015
Mit dem neuen Schuljahr beginnt für viele der Kampf gegen die Uhr: Das frühe Aufstehen ist für manchen eine Qual. Wir haben Schüler, Eltern und Lehrer gefragt: Wann sollte der Unterricht beginnen?

Barbara Schilling (17), Schülerin in der 12. Klasse aus Göppingen, stellvertretende Vorsitzende der Schüler Union Baden-Württemberg:

Der Unterrichtsbeginn zwischen 7.30 und 8 Uhr ist völlig in Ordnung. Wenn der Unterricht bald startet, endet er auch früher. Die Zeit am Nachmittag ist gerade für jüngere Schüler wertvoll. Gemeinsam Mittag essen mit den Eltern und ein Nachmittag zur freien Verfügung gehören einfach dazu. Wenn der Unterricht mitten am Tag stattfindet, fällt diese freie Zeit weg und mit ihr ein Stück Kindheit. Auch in der Oberstufe profitiert man von frühem Beginn. Den Nachmittag braucht man für Hausaufgaben und Lernstoff. Bald aufstehen ist nicht tragisch. Man wird es wohl auch im Berufsleben nicht umgehen können. Je früher man das lernt, desto besser.

 

Dr. Michael Barczok (61), Schlafmediziner und Lungenfacharzt aus Ulm, fünf Söhne zwischen 30 und 13 Jahren:

Kinder und Jugendliche, die nach ihrer inneren Uhr Spätaufsteher sind und genetisch zum Eulen-Typ gehören, sind mit dem frühen Unterrichtsbeginn benachteiligt. Laut Studien sind ihre Noten in Tests um eine Note schlechter wenn die Tests morgens geschrieben werden. Die meisten Menschen zählen übrigens zu den Eulen.

Doch Jugendliche, die genetische Spätaufsteher sind, früh ins Bett zu schicken führt zu nichts, sie können ja doch nicht schlafen. Jeder Mensch hat seinen Schlafrhythmus. Den kann man nicht ändern, bestenfalls vergewaltigen. Die ständig übermüdeten Jugendlichen dösen vormittags im Unterricht, nachmittags fallen ihnen über ihren Hausaufgaben schier die Augen zu.

Dabei brauchen Jugendliche zwischen sieben und acht Stunden Schlaf, jüngere Kinder zwischen acht und zehn Stunden. Das Schlafdefizit könnte man mit einem Mittagsschlaf von 20 Minuten, einem Powernap, ausgleichen. Für die Eulen unter den Schülern wäre es nur gerecht, wenn die Schule später beginnen würde, wenigstens eine halbe Stunde später.

 

Carsten T. Rees (53), Vorsitzender des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, Neurobiologe aus Freiburg, eine Tochter, die das Gymnasium besucht:

Die Diskussion um einen späteren Schulanfang ist reine Zeitverschwendung. Würde Schule später anfangen, müssten viele Systeme geändert werden, die Betreuung müsste ausgebaut werden für jene Kinder, die trotzdem früh in die Schule geschickt werden würden, Fahrzeiten der Busse umgeplant werden. Der Umbau wäre ein Irrsinn. Stattdessen sollten wir uns fragen: Wie können wir Schule besser machen? Wir haben erschreckend wenig Bildungsgerechtigkeit. Dagegen sollten wir etwas tun.

 

Brigitte Röder (62), Rektorin und geschäftsführende Schulleiterin der Ulmer Gymnasien, eine erwachsene Tochter:

Der Unterrichtsbeginn am Gymnasium hat sich um 7.45 Uhr bewährt, denn mit dem Stundenrhythmus bringen wir am Vormittag sechs Unterrichtsstunden unter und können in der Unterstufe mit maximal zwei zusätzlichen Unterrichts-Nachmittagen hinkommen. An den anderen Nachmittagen können wir AGs und Förderunterricht anbieten, an denen die Schüler teilnehmen können. Oder sie können an ihren freien Nachmittagen in Vereinen, Jugendgruppen, Musikschulen ihren Neigungen nachgehen, nachdem sie ihre Hausaufgaben gemacht haben!

Der in der Öffentlichkeit diskutierte spätere Unterrichtsbeginn – es gibt ja Vorschläge bis 9 Uhr – hätte zur Folge, dass sich der Pflichtunterricht weit in den Nachmittag hineinzieht und quasi Ganztagesunterricht für alle Schüler die Folge wäre.

 

Isolde Burr (49), Kulturmanagerin aus Ulm, zwei Söhne, einer besucht die Grundschule, einer das Gymnasium:

Für Kinder in der ersten und zweiten Klasse sollte der Unterricht um 8.30 Uhr beginnen. Das ist eine gute Anfangszeit zur Eingewöhnung nach dem Kindergarten. Für Erst- und Zweitklässler sollte der Unterricht bis 12 Uhr dauern, länger können sie sich nicht konzentrieren. Ab der dritten Klasse sollte der Unterricht 7.45 Uhr starten und für die Grundschüler bis 12.50 Uhr dauern, für Gymnasiasten natürlich länger. Dieser frühe Beginn gibt dem Tag eine Struktur, Lehrer haben mehr Zeit und müssen nicht durch den Stoff hetzen. Fallen die frühen Stunden mal aus, dann sind auch ältere Kinder aus dem Takt und zur Schule gehen wollen sie zu einer späteren Uhrzeit sie schon gar nicht. Dann heißt es: Och nö, jetzt will ich nicht mehr los.