Götz Werner: „Menschen lernen aus Katastrophen“

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Seit mehr als zehn Jahren fordert Professor Götz W. Werner, Gründer der Drogeriemarkt-Kette DM, das bedingungslose Grundeinkommen. Umgesetzt wurde es noch nicht. Doch der 73-Jährige glaubt an das pädagogische Prinzip der Wiederholung und listet in dem neuen Buch die Vorteile des bedingungslosen Grundeinkommens auf. Werner hat im Jahr der Bundestagswahl zusammen mit den schwäbischen Bestseller-Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich ein „Wachrüttel-Buch“ geschrieben. Titel: „Sonst knallt’s – Warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen“. Im Interview spricht der Unternehmer über den Umbruch in der Arbeitswelt, die Revolution des Steuersystems und Erkenntnis­gewinne beim Schreiben des Buches.

Herr Werner, warum haben Sie mit den „jungen Wilden“ Matthias Weik und Marc Friedrich ein Buch geschrieben? Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Götz Werner: Schon das Buch „Der größte Raubzug der Geschichte“ von Herrn Weik und Herrn Friedrich hat mich sehr beeindruckt, zuletzt dann ihre aktuellen und historischen Analysen in „Kapitalfehler“. Es gibt viele Schnittmengen, da lag eine Zusammenarbeit einfach in der Luft.

Welches gemeinsame Ziel verbindet Sie?

Die Erkenntnis, dass wir nicht einfach so weitermachen können wie bisher. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Jeder braucht dieses Grundeinkommen, um bescheiden, aber menschenwürdig leben zu können. Dann können wir uns entwickeln und unsere Talente und Fähigkeiten einbringen, denn der Mensch ist kein Tier. Der Mensch strebt danach, über sich hinauszuwachsen. Bei uns herrscht die Meinung vor, dass nur Arbeit, für die ich Einkommen bekomme, wertvoll ist. Gesellschaftliche Arbeit wie Kindererziehung wird völlig ausgeblendet.

Sie fordern seit etwa zehn Jahren das bedingungslose Grundeinkommen, bisher gab es nur Testläufe. Wenn es doch der Gesellschaft so dienlich ist, warum wird es dann nicht eingeführt?

Die Menschen müssen sich erst einmal in die Idee hineindenken, das pädagogische Prinzip der Wiederholung hilft dabei. Die Wirtschaft beschäftigt sich schon lange damit, es gibt immer mehr Mitdenker. Der Wandel der Arbeitswelt begünstigt den Weg zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. In Deutschland und Europa gäbe es längst „Wohlstand für alle“, wenn es ein Einkommen für alle gäbe. Wenn die Mehrheit der Menschen das denken kann, können wir ein bedingungsloses Grundeinkommen notfalls über Nacht einführen.

Würde eine solche Transferleistung des Staates nicht dazu führen, dass die Menschen weniger Eigenverantwortung übernähmen und sich weniger anstrengten?

Die Testversuche haben gezeigt, dass nur ein Prozent der Menschen nichts getan haben. Aber diese wird es immer geben, die gibt es auch heute. Ziel muss es sein, den Menschen Rahmenbedingungen zu bieten, so dass sie sich mit ihren Talenten und Fähigkeiten einbringen können. Man muss die Gesellschaft wandeln vom Sollen zum Wollen.

Wann ist die Zeit reif für ein bedingungsloses Grundeinkommen? Wagen Sie eine Prognose?

Es ist ein sehr weiter Weg, eine Mehrheit zu überzeugen. In der Schweiz haben immerhin 22 Prozent dafür gestimmt. Nichts geht von Null auf Hundert, am Anfang geht es langsamer. Aber die Utopien von gestern sind die Realitäten von heute. Auf uns kommen enorme Umwälzungen zu, der Wandel in der Arbeitswelt ist in allen Branchen zu beobachten.

Und wann wird es soweit sein?

Eine zeitliche Prognose wage ich nicht. Nur soviel: Alle Entwicklungen gehen über die Entwicklung eines Schwelbrands.

Schwelbrände gibt es ja derzeit genug. In Europa und weltweit. Was alarmiert Sie am meisten?

Mich stört, dass viele politische und wirtschaftliche Scheindebatten sehr laut geführt werden – und Diskussionen über die Grundlagen einer wirklich sozialen Marktwirtschaft viel zu wenig.

Wie bewerten Sie unser derzeitiges Wirtschaftssystem?

Unsere Wirtschaft ist viel zu sehr von der Illusion getrieben, Geld sei ein Wert an sich. Doch das ist ein Denkirrtum. Die Menschen leben nicht vom Geld, probieren Sie es mal, Geld schmeckt nicht. Wir leben von den Gütern, die wir für unser Geld erwerben. Wir starren aber ständig aufs Geld und sehen daher meist nur „Finanzierungsprobleme“. Dabei sollte die eigentliche Frage doch lauten: Wie machen wir es möglich, dass jeder seine ureigenen Fähigkeiten und Ideen in eine Wirtschaft einbringen kann, die so leistungsfähig ist wie keine zuvor – und die doch unsinnigerweise allzu viele Menschen zurücklässt.

Im Untertitel Ihres neuen Buches fordern Sie mit Ihren beiden Mitautoren, dass wir Wirtschaft und Politik „radikal neu denken“ müssen. Was heißt das konkret?

Ich versuche in meinen Vorträgen immer deutlich zu machen, dass Vieles in unserer Wirtschaft deshalb falsch läuft, weil wir es falsch denken. Nämlich betriebswirtschaftlich verengt statt volks- und gemeinwirtschaftlich. Nur Unternehmen haben Kosten. Volkswirtschaftlich betrachtet lösen sich alle Kosten bis auf den letzten Cent in Einkommen auf. Weshalb Gesellschaften vor allem darüber entscheiden müssen, wie sie ihre Einkommensströme regulieren wollen.

Sie treten schon lange für die Besteuerung des Konsums und nicht des Einkommens ein.

Ja, weil die Mehrwertsteuer die transparenteste Steuer überhaupt ist. Heute sprudeln die Steuern aus so vielen Quellen, und wir leisten uns trotzdem noch immer Armut. Das ist ein Skandal. Eine Konsumsteuer wäre auch gerecht, weil dann der, der viel konsumiert,  am meisten Steuern zahlt.

Sie wollen mit Ihrem Buch „Sonst knallt’s“ vor der Bundestagswahl aufrütteln. Was erhoffen Sie sich?

Die Politik ist nie innovativ, sondern reagiert darauf, woher der Wind aus der Gesellschaft weht. Daher müssen wir die Gesellschaft aufrütteln. Die Erfahrung lehrt uns: Die Menschen lernen aus Einsicht oder aus Katastrophen.

Buchvorstellung Das im Eichborn-Verlag erscheinende Buch „Sonst knallt’s – Warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen“ kommt am Montag, 24. April, in die Buchläden. Die Premiere findet in Göppingen statt: Am Dienstag, 25. April, kommen die drei Autoren Götz Werner, Marc Friedrich und Matthias Weik auf Einladung der SÜDWEST PRESSE in die Göppinger Stadthalle und präsentieren ab 19 Uhr ihr Buch erstmals der Öffentlichkeit. Tickets gibt es online unter www.südwestpresse.de/ticketshop.

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