Mit Baby an der Uni

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Tanja Harbaums jüngste Tochter Ida hat schon von klein auf akademische Luft geschnuppert.  Foto: 

Ein Studium mit Kind zu schaffen, ist keine Kleinigkeit. Das weiß niemend besser als Tanja Harbaum, die am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Informatik studiert hat und während dieser Zeit gleich drei Kinder in die Welt gesetzt hat. „Das war zwischendurch schon manchmal schwierig und hätte auch schiefgehen können“, berichtet die 32-Jährige. Doch sie hat die Doppelaufgabe mit Hilfe ihres Mannes und einigen Erleichterungen von Seiten der Hochschule bewältigt und hofft, im kommenden Jahr auch ihre Promotion unter Dach und Fach bringen zu können.

Was Tanja Harbaum vor 10 Jahren im Anschluss an ihr Vordiplom noch mühsam erkämpfen musste, gehört am KIT mittlerweile zum Standardangebot, denn seit nunmehr sieben Jahren zählt die Hochschule zu den als „familiengerecht zertifizierten“ Bildungseinrichtungen.

Hochschulen, die sich dieses Etikett anheften wollen, bewerben sich bei der „berufundfamilie Service GmbH“ mit Sitz in Frankfurt am Main. Im Lauf von drei Jahren wird dann analysiert, was in welchen Bereichen und in welchem Umfang zu tun ist und welche Ziele erreicht werden sollen. Nach erfolgreicher Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen und Zahlung einer an der Mitarbeiterzahl orientierten Summe wird schließlich das Zertifikat erteilt.

„Es gibt dabei keinen allgemein verbindlichen Maßnahmenkatalog“, betont Silke Güttler, zuständig für die Pressearbeit der Frankfurter Gesellschaft. Es gehe vielmehr darum, das umzusetzen, was für die jeweilige Hochschule oder das jeweilige Unternehmen Sinn mache.

Am KIT beispielsweise, das im Jahr 2010 erstmals zertifiziert wurde, wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch Gleitzeit und die Möglichkeit zu Telearbeit erleichtert. Studierende wiederum können bis zu sechs Urlaubssemester einlegen, um sich etwa um den eigenen Nachwuchs oder einen pflegebedürftigen Angehörigen zu kümmern.

Derartige Erleichterungen hätte  auch Tanja Harbaum seinerzeit gerne in Anspruch genommen, musste sich aber mit deutlich schwierigeren Bedingungen arrangieren. „Man hat mir zwar nach der Geburt meiner ersten beiden Kinder jeweils ein Urlaubssemester genehmigt“, sagt sie, aber das dritte musste sie sich per Härteantrag beim Uni-Direktor erkämpfen. „Ein viertes war gleich von vornherein ausgeschlossen.“ Da habe es zwischenzeitlich schon anstrengende und teilweise deprimierende Phasen gegeben, wenn sie etwa zu hören bekam, dass sie sich ja exmatrikulieren könne, wenn sie Studium und Kinder nicht hinbekäme. Und das, obwohl sie alle bis dahin erforderlichen Prüfungen innerhalb der Regelstudienzeit bereits erfolgreich bestanden hatte.

Arbeiten im Home-Office

Von ihrer Familienplanung ließ sie sich trotzdem nicht abbringen. Ihre Mutter habe ebenfalls sehr früh Kinder bekommen, was sie „immer als sehr positiv“ empfunden habe. Zudem sei ihr Mann deutlich älter, so dass sie nicht noch länger warten wollten. „Als ich dann meine Diplomarbeit geschrieben habe, war Ida, unser drittes Kind, gerade geboren“, erinnert sich Harbaum. Für die Kita noch zu klein, war Ida im Tragetuch dann eben mit dabei, bekam an der Uni zwischen den Rechnern ihre Spielwiese ausgebreitet und wurde bei Bedarf auch mal von einer Sekretärin beaufsichtigt. Zu dem Zeitpunkt war das KIT schon als „familiengerechte Hochschule“ zertifiziert. Zwar kamen die damit verbundenen Verbesserungen für Tanja Harbaum als Studentin zu spät, doch die zielstrebige Informatikerin profitiert jetzt als KIT-Angestellte davon. Direkt im Anschluss an ihr Diplom wurde sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technik der Informationsverarbeitung übernommen und kann dank einer Home-Office-Ausstattung einen Teil ihrer Arbeit auch zu Hause erledigen.

Das Mehr an familienfreundlichen Studienbedingungen begrüßt sie dennoch sehr. „Alle klagen, dass Akademiker zu wenig Nachwuchs bekommen“, sagt sie, „also muss man andere Voraussetzungen schaffen.“ Am KIT habe sich da immerhin schon einiges getan. Mehr Urlaubssemester, Elternzeit während des Studiums, erweiterte Prüfungsmöglichkeiten. Zudem würden die Dekane und Dekaninnen der verschiedenen Fachbereiche dafür sensibilisiert, Pflichtveranstaltungen so zu legen, dass Studierende ihre Kinder rechtzeitig aus den Kitas holen können. Um das Lernen daheim zu erleichtern, sollen ihnen zudem erweiterte Ausleihmöglichkeiten beim Präsenzbestand der Bibliothek eingeräumt werden. Denn dort, das weiß auch Tanja Harbaum, zählt jede Minute: „Wenn die Kinder schlafen, setzt man sich hin und lernt.“

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