Heute Auftakt zum Loveparade-Mammutverfahren

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Blumen, Kerzen, Plüschtiere und Holzkreuze mit Namen, Alter und Nationalität erinnern noch heute an einer Treppe am Unglücksort an die 21 Todesopfer.  Foto: 

Julius Reiter wirkt angespannt. In seiner noblen Kanzlei in Düsseldorf bereitet sich der 53-jährige Opfer-Anwalt auf den mutmaßlich größten Strafprozess in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte vor. Sieben Jahre nach der blutigen Tragödie bei der Duisburger Loveparade verhandelt das örtliche Landgericht von heute an gegen zehn Angeklagte wegen fahrlässiger Tötung – Mitarbeiter der Stadt Duis­burg und der Veranstalterfirma Lopavent. Sie sollen durch grobe Pflichtverletzung eine Massenpanik auf der Techno-Party ausgelöst haben.

Für das auf 111 Verhandlungstage bis 2019 terminierte Mammutverfahren wird ein Kongress­zentrum der benachbarten Landeshauptstadt Düsseldorf zum Gerichtssaal, in dem die Prozessbeteiligten Platz finden: Richter, Staatsanwälte und die Angeklagten mit ihren 29 Anwälten, dazu 60 Opfer und Hinterbliebene samt ihrer Prozessvertreter als Nebenkläger. Der Zuschauerraum ist für 500 Besucher und Medienvertreter vorgesehen.

„Für alle Beteiligten wird das der größte Strafgerichts­prozess ihres Lebens“, vermutet Reiter. Seit sieben Jahren betreut der Anwalt Hinterbliebene und Geschädigte der Loveparade-Katastrophe. In dieser Zeit sind die Prozessakten auf über 60 000 Blatt angewachsen. Bis zu 100 Loveparade-Opfer haben der Anwalt und seine Kollegen zeitweise vertreten. Im Prozess wird Reiter für elf Nebenkläger auftreten. Seine Mandanten wüssten, dass am Ende eine große Enttäuschung stehen könne.

Auf der Anklagebank sitzen nach Reiters Einschätzung „relativ kleine Lichter“. Doch sei ihnen bei ihren Entscheidungen zur Genehmigung und Organisation der Loveparade „bewusst gewesen, dass es eine Katastrophe und Tote geben“ könne. Fahrlässige Tötung und Körperverletzung könne man „auch vom Schreibtisch aus begehen“. Nicht angeklagt sind der zwischenzeitlich abgewählte Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und Lopavent-Geschäftsführer Rainer Schaller. Dass die Strafermittlungen gegen sie eingestellt wurden, findet Reiter „kaum nachzuvollziehen“. Aber in Deutschland sei es nun mal schwer, bei offensichtlicher Schuld eines Unternehmens die Verantwortlichen zu belangen. „Es muss immer die individuelle Schuld nachgewiesen werden.“

Zu den Hauptangeklagten zählt der heute pensionierte Duisburger Planungsdezernent Jürgen Dressler. Ihm und fünf weiteren Rathausbeamten wirft die Staatsanwaltschaft vor, die Genehmigung für das alte Duisburger Güterbahnhofgelände erteilt zu haben, „obwohl auch sie hätten erkennen müssen, dass die Veranstaltung wegen der schwerwiegenden Planungsfehler undurchführbar und daher nicht genehmigungsfähig war“. Den vier Lopavent-Mitarbeitern wird zur Last gelegt, dass es bei dem viel zu eng konzipierten Zu- und Abgang zum und vom Festivalgelände „zu lebensgefährlichen Situationen kommen musste“.

Die Angeklagten weisen die Vorwürfe zurück. Nachdem im Vorfeld etwa durch die Einholung immer neuer Sachverständigen-Gutachten viel Zeit verstrich, droht während des Loveparade-Verfahrens die Verjährung. Falls die Richter nicht bis 24. Juli 2020 ein Urteil verkünden, müsste der Strafprozess eingestellt werden. Deshalb befürchten die Nebenklagevertreter eine Verzögerungstaktik der Verteidiger.

Dabei erhofften sich die Hinterbliebenen von dem Prozess doch vor allem die Beantwortung einer Frage, erklärt Opfer-Anwalt Julius Reiter: „Warum sind unsere Kinder gestorben?“

Am einzigen Ein- und Ausgang der Technoparade im Sommer 2010 wurden in einem Gedränge 21 Menschen zu Tode gesdrückt. Sie waren zwischen 17 und 38 Jahre alt und kamen aus Deutschland (15), Australien (1), den Niederlanden (1), Spanien (2), Italien (1) und China (1). Mindestens 652 Loveparade-Besucher wurden damals verletzt. Viele von ihnen leiden bis heute – körperlich und seelisch – unter den Folgen. dpa

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