Zur Problemzone geworden

Tristesse im Ortskern, abgeschottet vom Neckar, schmuddelige Stellen – Untertürkheim ist ein Problemfall. Ein Masterplan soll´s richten.

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Daimler hat Untertürkheim Weltruhm verschafft. Doch so richtig zum Stadtbezirk gehört der Stuttgarter Autobauer nicht mehr. Dieser ist längst zum Weltkonzern geworden, der von der Untertürkheimer Zentrale gesteuert wird. Die Ansiedlung von Daimler Anfang des 20. Jahrhunderts markiert den Aufstieg des Weingärtnerorts zu einem der führenden Industriestandorte im Land. Weinbau und Industrie sind bis heute die bestimmenden Faktoren im Stadtbezirk am östlichen Zipfel Stuttgarts.

Damals sind neue Wohngebiete für Arbeiter entstanden, wie der Stadtteil Luginsland. Daimler-Mitarbeiter schätzen bis heute die Nähe zum Arbeitsplatz. Das war auch bei Klaus Enslin so, der 1980 von Biberach nach Untertürkheim kam, um als Ingenieur in der Entwicklungsabteilung des Autobauers zu arbeiten.

Inzwischen ist er im Ruhestand und kann sich als Vorsitzender des Bürgervereins Untertürkheim dem Stadtbezirk widmen. Dieser umfasst acht Stadtteile. Zu den bekanntesten zählen Untertürkheim, Luginsland und Rotenberg. Sie liegen zum Teil im Grünen und haben reizvolle Wohnlagen. Aber da die Weinberg- und Gartenlandschaft in der Umgebung Landschaftsschutzgebiet ist, kann sich der Stadtbezirk nicht weiter ausdehnen.

Dies ist jedoch bei weitem nicht das Hauptproblem. Der namensgebende Stadtteil Untertürkheim, der 1905 mit Stuttgart vereinigt wurde, ist zur Problemzone geworden. Im Ortskern herrscht Tristesse. Tatoo-Studios, Imbissbuden und eine inzwischen wieder geschlossene Shisha-Bar haben die Fachgeschäfte verdrängt. Ladenräume stehen leer. Selbst die Redaktion der Lokalzeitung ist nach Bad Cannstatt umgezogen. Der CAP-Markt mit der einzig verbliebenen Metzgerei fürchtet, durch Aldi, der das Postgebäude gekauft hat, verdrängt zu werden. Gerade so überleben kann Michael Schmückle, der in der Fußgängerzone fair gehandelte Waren verkauft. Der 45-Jährige versucht hier, „etwas Sinnvolles und Nachhaltiges zu machen“.

Restaurants gibt es nur noch wenige. Die „Alte Kelter“, in der Maultaschen-Weltmeister Frieder Wallenmeier kocht, ist die Ausnahme. Der Bürgerverein „Bunt statt Grau“, in dem auch Enslin aktiv ist, hat der Tristesse den Kampf angesagt. Am Eingang zur Fußgängerzone installierte er zum Beispiel eine gelbe Telefonzelle als öffentliches Bücherregal.

Auch Bezirksvorsteherin Dagmar Wenzel spricht von einem „kränkelnden Stadtteil“. Dieser sei durch den Bahndamm zum Neckar nach außen „total abgeschottet“. Der vorgelagerte Karl-Benz-Platz ist kahl und die Bahnunterführung schmuddelig. Um das Tor zum Stadtteil etwas freundlicher zu gestalten, wurde vom Bürgerverein der Treppenaufgang zum Ort farbig angestrichen und auf dem Platz wurden Blumen in bunte Reifen gepflanzt.

Hier leben 7000 der 16 000 Bewohner des Stadtbezirks. Die Hälfte sind ausländische Mitbürger, die alte Häuser im Ortskern kaufen. „Sie sind mit dem Standard zufrieden“, sagt Wenzel. Sie versteht zwar den Unmut der Alteingesessenen, betont aber, dass sie private Verkaufsentscheidungen nicht beeinflussen könne.Die Hoffnungen liegen auf dem Masterplan, der seit einem Jahr unter Beteiligung der Bürger erstellt wird. Eine der Herausforderungen ist für Wenzel, „den historischen Ortskern Untertürkheims ins 21. Jahrhundert zu überführen“. Dazu gehört auch der 1896 erbaute Bahnhof. Ein architektonisches Schmuckstück, das gleich zwei Spielcasinos beherbergt.

Zumindest die ersten Schritte zur Umsetzung der Bürgervorschläge werden getan. Das Neckarufer hinter dem Lindenschulviertel bei der Schleuse wird bis 2018 für 1,4 Millionen Euro zur Freizeitzone umgestaltet. Und für den chronisch überlaufenen Stadtteil Rotenberg, der wegen der Grabkapelle ein beliebtes Ausflugsziel ist, gibt es nach zähen Verhandlungen zwischen Stadt und Bürgern ein neues Verkehrskonzept.

Der Stadtteil Untertürkheim hat durchaus einiges zu bieten: eine optimale Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr mit S-Bahn, Stadtbahn und Bus, mit dem denkmalgeschützten Inselbad ein attraktives Freibad und eine riesige Altarwand von HAP Grieshaber in der evangelischen Stadtkirche. Es gibt einen  Kulturverein, renommierte Schulen und mehrere Sportvereine.

Der Stadtbezirk ist Schulzentrum für die oberen Neckarvororte, beliebtes Ausflugsziel und bekannt für den Weinbau. Übrigens gibt es in Untertürkheim die einzige städtische Schnapsbrennerei.

Die Weinmanufaktur Untertürkheim hat sich zur Vorzeigegenossenschaft gemausert, genauso wie das Collegium Wirtemberg in Rotenberg und Uhlbach. Weinberge und Weingüter, zum Teil mit angeschlossenen Besenwirtschaften, prägen große Teile des Bezirks. Gefeiert wird dies beim traditionellen Untertürkheimer Weinfest vom 16. bis 18. September.

Daimlers Reitwagen fuhr 1885 durch den Ort

Geschichte Untertürkheim wurde um 1200 erstmals urkundlich erwähnt: Der Ort bekam den alemannischen Namen Duringoheim. Seit jeher wird Weinbau betrieben. Der Ort gehört seit 1905 zu Stuttgart. Die Daimler-Motoren-Gesellschaft produziert hier seit 1904. Strom lieferte das erste kommunale Wasser- und Dampfkraftwerk Württembergs von 1902. Heute arbeiten im Mercedes-Benz-Werk Untertürkheim 19 000 Beschäftigte. Von Arbeitern wurde 1911 die „Gartenstadt Luginsland“ als Baugenossenschaft gegründet. 1845 verkehrte die erste Eisenbahn Württembergs zwischen Cannstatt und Untertürkheim. 1885 fuhr hier das erste motorbetriebene Fahrzeug von Daimler, der Reitwagen. Ein Teil des Stuttgarter Hafens gehört zu Untertürkheim.

Grabkapelle Die Grabkapelle auf dem Württemberg in Rotenberg wurde 1824 errichtet. An ihr vorbei führt der zwölf Kilometer lange Rundwanderweg II. lan                                                       

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