Interview: „Franziskus geht Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg“

Der Papst ein Häretiker? Nein, sagt der Moraltheologe Stephan Goertz. Der Papst nimmt sich den Umgang Jesu mit den Beladenen zum Vorbild. Das verstört.

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Der Widerstand gegen Papst Franziskus kreist auch um das Dokument „Amoris Laetitia“. Was ist so anstößig daran?

Stephan Goertz: Für die allermeisten: nichts. Sie empfinden das Dokument als befreiend. Der Papst entwickelt mit dem Schreiben Positionen der Morallehre weiter, von denen viele dachten, sie seien unumstößlich. Jetzt wird deutlich, die Kirche ist auf dem Weg, sie kann ihre Lehre weiterentwickeln, kann Erstarrungen lösen. Damit kommen nicht alle in der Kirche zurecht.

Vor allem der Umgang mit Wiederverheirateten ist umstritten.

Ja. Der Papst stellt nicht die Unauflöslichkeit der Ehe zur Disposition, er fragt aber, wie geht die Kirche mit den Menschen um, die nach einer gescheiterten Ehe womöglich glücklich und verantwortlich in einer neuen Beziehung leben. Sagt die Kirche, da gibt es keine Wiederversöhnung, oder schaut sie sich die konkrete Lebenssituation an. Franziskus setzt auf letzteres.

Ist das für Sie als Moraltheologe noch biblisch begründet?

Unbedingt. Franziskus nimmt sich den Umgang Jesu mit den Mühseligen und Beladenen, wie es in der Bibel heißt, zum Vorbild. Mit den sozial Ausgeschlossenen. Jesus will die Menschen heilen, sie in die menschliche Gemeinschaft zurückholen. Deshalb fragt Franziskus: Was bedeutet dieses Vorbild für das Handeln der Kirche?

Kritiker halten dagegen. Der Papst gebe Grundlagen des Glaubens auf.

Ganz und gar nicht. Er versucht die kirchliche Lehre vom Evangelium her zu verlebendigen.

Differenzen gibt es nicht nur inhaltlich. Der Streit entzündet sich auch daran, wie Franziskus seine Vorstellung umsetzen will. Er überträgt Seelsorgern mehr Verantwortung. Ist das nicht problematisch?

Der Papst ist überzeugt, dass es kein Gesetz gibt, das jede Situation abdecken kann. Deshalb müsse differenziert werden. Die Ortskirchen werden ermutigt, nach für sie verantwortlichen Verfahren zu suchen. Für manche ist das ungewohnt. Kirchenrechtlich mag noch nicht alles gut geklärt sein. Aber für Franziskus zählt, dass die Kirche sich stärker auf die Lebenswirklichkeiten einlässt.

Ist das jesuitisch oder geht er den Weg des kleinsten Widerstandes?

Amoris Laetitia ist ein lehramtliches Schreiben. Mit eigener Verbindlichkeit. Das jesuitische Denken des Papstes zeigt sich in der Kunst der Unterscheidung der Geister. Er will stärker auf die konkrete Lebenssituationen von Paaren eingehen. Diese Kunst der Unterscheidung fordert er auch von den Priestern.

Heißt das, dass die Weltkirche in Fragen der Sexualmoral  unterschiedliche Antworten braucht, weil zum Beispiel in Afrika anders über Homosexualität gedacht wird als in Europa?

Genau darüber ist nachzudenken. Unter Franziskus gibt es kein einfaches „weiter so“. Da ist viel Selbstkritik zu spüren. Der Papst hat einen Prozess angestoßen, bei dem Unterschiede in der Kirche sichtbar werden. Offene Diskussionen waren lange verpönt, weil man viele Fragen abschließend beantwortet glaubte.

Auf das Signal haben viele gewartet. Hat Sie deshalb der vehemente Widerstand überrascht?

In der Form zum Teil schon. Weniger in der Sache. Denn manche in der katholischen Kirche haben bestimmte Gebote der Morallehre, die diskutabel sind, für unantastbar erklärt. Auf einmal wird deutlich, dass selbst Positionen, die der hochverehrte Johannes Paul II. vertreten hat, neu bedacht werden können. Das empfinden einige offenbar als Kränkung. Man erlebt, wie die eigene Stellung in der Kirche an Relevanz und Einfluss verliert. Das erklärt vielleicht die Attacken auf den Papst.

Erwarten Sie weitere Schritte von Papst Franziskus?

Davon gehe ich aus. Der Papst zeigt sich nicht entmutigt von den Debatten. Er geht Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg. Er ist aber darauf angewiesen, dass er Unterstützung aus den Ortskirchen erfährt. Wie es die Deutsche Bischofskonferenz mit ihrem Wort zu Amoris Laetitia getan hat. Franziskus hat schon jetzt erreicht, dass in der Kirche manche Fragen wieder freimütiger theologisch reflektiert werden. Allein das ist ganz positiv zu bewerten.

Info Stephan Goertz ist mit Caroline Witting Herausgeber eines Bandes zu Amoris laetitia (Herder-Verlag).

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