Bob Dylan in Hamburg: zwei Stunden Musikgeschichte

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Das Archivfoto von Bob Dylan entstand  im Juli 2012 bei einem Auftritt in Benicassim (Spanien).  Seit Jahren untersagt der Nobelpreisträger Konzertfotos.  Foto: 

Die Mitglieder der Nobelpreis-Akademie hätten wissen können, wen sie da auszeichnen: Keinen Charmeur, der lässig mit den Juroren plaudert oder einen Knicks macht vor Königin Silvia; auch keinen Protestsänger, der den Ruhm des Preises zu einer Brandrede gegen Donald Trump nutzen würde; und schon gar niemanden, der sich sein Werk von irgendwelchen Professoren in Text und Musik auseinanderdividieren ließe – Bob Dylan ist eben kein Dichter, sondern ein Songschreiber und Sänger.

Die Akademie war trotzdem geknickt, als Dylan sich letztes Jahr nicht artig für die Nobelpreis-Nobilitierung bedankte und zur royalen Verleihung nicht mal selbst erschien, sondern seine gute Freundin Patti Smith schickte. Abgeholt hat er den Preis nun aber doch, en passant gewissermaßen. Da seine Never Ending Tour ihn vor wenigen Tagen nach Stockholm führte, hat er mal eben bei der Schwedischen Akademie vorbeigeschaut und die Urkunde in Empfang genommen. Fotos durften nicht gemacht werden, und bei seinem Auftritt am Abend hat er kein Wort über das mittägliche Stelldichein verloren.

Dylan ist in seinen Konzerten ohnehin eher schweigsam, zumindest spricht er nicht zu seinem Publikum. Er ist ja auch zum Singen da und nicht, um die Zuhörer mit Nähebekundungen zu umgarnen. Auch in Hamburg war das am Dienstagabend so: Dylan kommt mit seiner grandiosen fünfköpfigen Working Band auf die Bühne der Barclaycard Arena, legt ohne Vorgeplänkel mit dem oscarprämierten Song „Things Have Changed“ los und spielt sich dann in zwei Stunden kommentarlos durch sein Werk. Oder sagen wir besser: durch die Musikgeschichte der vergangenen 100 Jahre.

Eigentlich ist das, was Dylan da inmitten von ein paar auf der Bühne aufgebauten und großartig heimelige Effekte erzeugenden Scheinwerfern betreibt, eine Art Geisterbeschwörung. Jeder Takt kommt mit Fußnoten daher, jede Note referiert auf eine Tradition, der Dylan sich verbunden fühlt. Country, Blues, Swing, Rock ’n’ Roll – Dylan ist ein Archäologe, der uns das Vergangene vergegenwärtigt.

Der Schlagzeuger David Kemper hat einmal erzählt, dass Dylan seine Band vor Plattenaufnahmen gern um sich schare und mit ihr Lieblingslieder anderer Künstler einstudiere – von Dean Martin, Big Joe Turner, den Stanley Brothers. Er bestehe darauf, die Stücke originalgetreu zu erarbeiten – um sie danach  kein zweites Mal zu spielen. Eine Lehrstunde: Die Bands solle nicht diese Songs erlernen, sondern die Art und Weise des Vortrags, den Style, das Timing, ein bestimmtes Feeling.

Genau das ist es, was Dylans Band tut. Sie spielt in einem sehr old fashioned way, man könnte auch sagen: klassisch. Sie hat Swing, und sie hat den Blues. Und sie macht aus alten Dylan-Songs, die einer bestimmten Zeit verhaftet sind, etwas Zeitloses.

Dylan krächzt und nöhlt dazu nuanciert mit einer Lebensweisheit, die dem 75-Jährigen zu Gebote steht, und mit einer Dringlichkeit, die einem 25-Jährigen zur Ehre gereichen würde: „Love Sick“, „Beyond Here Lies Nothing“, „Pay in Blood“, „Highway 61 Revisited“, „Ballad Of A Thin Man“ – es hört sich an, als hätte er die Songs gerade eben erst geschrieben. Er bietet sie mit einer Stimme dar, in die sich die Erschütterungen, Schmerzen, Freuden, die Verzweiflung und Vergeblichkeit eines ganzen Menschenlebens eingraviert zu haben scheinen.

Der Mann kann auch anders, das zeigen nicht nur seine zuletzt veröffentlichten Alben, die sich dem Great American Songbook widmen. Das beweist er auch live. Wenn er vom am Rand stehenden Flügel ans Mikrofon in die Bühnenmitte tritt (er spielt inzwischen nicht mehr Gitarre oder Mundharmonika) und breitbeinig dasteht, als suche er Halt, wenn er ein paar dieser Standards wie „Autumn Leaves“ oder „All Or Nothing At All“ darbietet, dann findet er zu einer kaum geahnten stimmlichen Geschmeidigkeit, dann wird aus Dylan ein Crooner.

Er habe erst jetzt begriffen, sagte er kürzlich in einem langen Interview mit dem Journalisten Bill Flanagan, wie viel von der Essenz des Lebens diese Songs enthielten – „wie perfekt die Texte und die Melodien miteinander verwoben, wie wichtig sie für das alltägliche Leben sind, wie nicht-materialistisch“. Auch wenn er sich mit diesen zwischen den 30er und den 60er Jahren geschriebenen Liedern beschäftigt, kommt er dem Kern seines Tuns der vergangenen Jahre nahe: eine ihn bestimmende Tradition zu bewahren, die einen unerschöpflichen Reichtum in sich trägt.

Dylans Konzerte sind auf gewisse Weise rituelle Handlungen. Man wohnt einer mythischen Verzauberung bei – die freilich noch ein bisschen besser in einer intimeren Atmosphäre als der einer Arena mit Tausenden von etwas unterkühlten Zuschauern funktionieren würde.

In dem Interview mit Bill Flanagan erzählt Dylan übrigens von einer Begegnung mit Frank Sinatra, der viele jener Songs, die Dylan inzwischen in sein Repertoire aufgenommen hat, einst aufführte. Sinatra sagte damals zu Dylan, „du und ich, wir haben beide blaue Augen, wir kommen von da oben“. Dabei habe Sinatra zu den Sternen gezeigt. „Diese ganzen anderen Penner sind von da unten.” Dylan dachte damals, dass Sinatra recht haben könnte. Wer dürfte daran zweifeln: Tatsächlich ist Dylan ein Star – auf seiner ganz eigenen Umlaufbahn, hell leuchtend, unnahbar, faszinierend.

Neues Buch „Planetenwellen“ heißt  ein zweisprachiger Band mit einer Auswahl aus Bob Dylans Gedichten und Prosa von den Anfängen bis 1978, ergänzt um programmatische Texte und Essays aus den letzten Jahren. Heinrich Detering, einer der besten Kenner des Werks von Dylan in Deutschland, hat das Buch im Verlag Hoffmann und Campe herausgegeben; er übersetzte und kommentierte auch die Texte des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers (496 Seiten, 24 Euro): Die Lyrik war Dylans „ Ideenwerkstatt, sie gab ihm die Möglichkeit zu Selbstkommentaren gegenüber Freund und Feind“. „I’m a poet/ And I know it/ Hope I don’t blow it“: Nein, hat er nicht.

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