Vermummungsverbote durchziehen die Ulmer Fastnachtserlasse

Alljährlich um diese Jahreszeit ertönt die Klage über fastnächtliche Exzesse. Die gabs schon immer, oft geschahen sie im Schutz der Maske. Die Folge waren obrigkeitliche Vermummungsverbote - auch in Ulm.

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  • Das Fragment der Tonmaske, die 1989 bei den Grabungen in der Rosengasse gefunden wurde - oben links die Rekonstruktion - kann einen Hinweis auf das Aussehen der Schemen geben, von denen in den Vermummungsverboten des 16. Jahrhunderts die Rede ist. Die Maskengruppe der Schemen-Deifl hat die gehörnte Teufelsmaske einer neuen Verwendung zugeführt. Foto: Landesamt für Denkmalpflege/Jürgen Buchta 1/2
    Das Fragment der Tonmaske, die 1989 bei den Grabungen in der Rosengasse gefunden wurde - oben links die Rekonstruktion - kann einen Hinweis auf das Aussehen der Schemen geben, von denen in den Vermummungsverboten des 16. Jahrhunderts die Rede ist. Die Maskengruppe der Schemen-Deifl hat die gehörnte Teufelsmaske einer neuen Verwendung zugeführt. Foto: Landesamt für Denkmalpflege/Jürgen Buchta
  • In einem der Ulmer "Gesatzbücher" steht der Ruf von 1524. Rechts der Ratsprotokollband 9 von 1528. Foto: Henning Petershagen 2/2
    In einem der Ulmer "Gesatzbücher" steht der Ruf von 1524. Rechts der Ratsprotokollband 9 von 1528. Foto: Henning Petershagen
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Am Montag, dem 10. Februar 1528, behandelte der Ulmer Rat einen Antrag des Rektors der Lateinschule. Der lateinische Schulmeister hatte um Genehmigung gebeten, dass seine Schüler sich zu fastnächtlicher Weil mit den Schemen (Masken) in den heiligen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Lateinisch hören lassen. Es ging um die Schulkomödie, die gerne zur Fastnacht gespielt wurde - erstmals nachweislich vor 500 Jahren, anno 1513.

Der Rat genehmigte den Antrag und erlaubte den Schülern, dass sie sich mit Bärten ein wenig verstellen. Das ist insofern bemerkenswert, als gleich auf dem nächsten Tagesordnungspunkt ein Maskierverbot stand. Darin bestimmte der Rat, dass niemand keine Scheme fürtun oder sich mit Verdeckung oder Verstellung seines Angesichts unkennbar machen soll.

Damit präzisierte der Rat ein bereits bestehendes Vermummungsverbot, das dem entsprochen haben dürfte, das vier Jahre zuvor verkündet worden war (siehe Kasten). Eine solche Polizeiverordnung wurde "Ruf" genannt, weil sie durch öffentliches Ausrufen durch städtische Bedienstete an bestimmten Orten bekanntgegeben wurden. In der Ratssitzung vom 10. Februar nahm der Rat die "Schemen" ausdrücklich in das Vermummungsverbot mit auf. Dass sie unmittelbar zuvor im Zusammenhang mit dem Theaterspiel der Lateinschüler erwähnt werden, deutet auf ihre Mehrfachverwertung hin.

Die hat der Fastnachtsforscher Werner Mezger bereits 1992 in Betracht gezogen, als im Archäologischen Landesmuseum in Konstanz eine echte Sensation vorgestellt wurde: die Reste einer Scheme aus dem 15. Jahrhundert, die im September 1989 in der Ulmer Rosengasse ausgegraben worden war und heute in Konstanz ausgestellt ist. Sie ist einmalig, weil sie die älteste bisher bekannte Maske aus dem Mittelalter und vor allem, weil sie aus gebranntem Ton ist.

An ihrer Innenseite haben die Archäologen eine speckige Schicht festgestellt, die auf starkes Transpirieren der Maskenträger deutet - ein Hinweis auf heftige fastnächtliche Umtriebe, denen die Scheme möglicherweise zum Opfer gefallen ist? Sie war zu Bruch gegangen, bevor sie zwischen 1470 und 1500 in der Verfüllung eines Kellers landete. Jedenfalls vermittelt sie eine Vorstellung davon, wie jene Schemen ausgesehen haben mögen, die bis 1583 in den Fastnachts-Rufen erwähnt sind. So lag es nahe, dass sich nach der Entdeckung dieser mittelalterlichen Maske in Ulm eine Narrenzunft gründete, der sie als Vorbild für ihr Outfit diente: die Schemen-Deifl.

Immer wieder wird behauptet, die Reformation habe dafür gesorgt, dass in Ulm die Fastnacht ausgestorben ist. Die Rufe und Ratsprotokolle bestätigen dies allerdings nicht so ohne Weiteres. Unmittelbar nach der Bürgerabstimmung von 1530, in der die Ulmer sich für die Reformation aussprachen, war 1531 zwar jegliches öffentliches Narrentreiben verboten. Doch schon zwei Jahre danach und die ganzen Jahre bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618 waren fastnächtliche Umtriebe mit mehr oder weniger Einschränkungen erlaubt. Total-Verbote hingen mit Krisenzeiten zusammen wie 1552/53 mit dem Markgrafenkrieg.

In den Jahren davor und danach war es zwar gestattet, sich zu verkehren und zu verkleiden außerhalb des Angesichts. Verboten war hingegen das Verdecken und Verstellen des Angesichts. Es handelte sich also nicht um ein Verkleidungs-, sondern um ein Vermummungsverbot: Es sollte verhindern, dass im Schutz der Maske Unfug oder Schlimmeres getrieben wurde. Allerdings erwiesen sich die Ulmer Narren als einfallsreich. Sie versuchten, das Verbot zu umgehen, indem sie ihre Gesichter mit Ruß schwärzten oder sonstwie färbten - weshalb diese Art der Gesichtsmaskierung von 1555 an ins Verbot aufgenommen wurde.

Mit dem Verkleiden außerhalb des Angesichts war von 1561 an ebenfalls Schluss. Das könnte mit dem Übergang von der bis dahin Zwinglianischen zur Lutherischen Lehre und ihrem Protagonisten Ludwig Rabus zusammenhängen.

Bei diesem Verkleidungsverbot blieb es endgültig - was den Erfindungsreichtum der Ulmer Narren erneut anspornte. Sie drehten ihre Pelzmäntel um und ersannen Verkleidungen, die nicht dem Wortlaut der Verbote entsprachen. Doch auch das bekam der Rat in den Griff mit Pauschalformeln, mit denen er die Löcher im Verbotsnetz stopfte.

Das wirksamste Mittel aber war vielleicht, dass der Rat saftige Geldstrafen androhte - von denen die Hälfte an den Denunzianten floss, der die Ordnungsverstöße anzeigte.

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