Alltagsdroge Handy: Reflex lässt uns zum Smartphone greifen

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    Prof. Christian Montag von der Uni Ulm. Foto: 
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Im Zug, im Bus, an der Haltestelle, auf der Straße, selbst in der Kneipe oder im Restaurant – es ist überall das gleiche Bild: Menschen starren unablässig auf ihr Smartphone, und man hat zumindest das Gefühl, dass die, die es nicht tun, mittlerweile zu einer Minderheit gehören. Die Daten einer Pilotstudie von Prof. Christian Montag scheinen das zu bestätigen. Im Schnitt alle zwölf Minuten greifen Handybesitzer, Mäner wie Frauen, zu ihrem Gerät. Oft sind sie sich dessen nicht mal bewusst. Die tägliche Nutzungszeit liegt bei fast drei Stunden, Musik­hören nicht inbegriffen.

Der Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie an der Universität Ulm zitiert in diesem Zusammenhang eine weitere Studie. Derzufolge gaben 40 Prozent der Befragten an, ihr Smartphone regelmäßig in den ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen und in den letzten fünf Minuten vor dem Einschlafen zur Hand zu nehmen. Der Kettenraucher lässt grüßen, und dieser Vergleich hinkt nicht. „Das Smartphone ist die neue Zigarette“, sagt Montag.

Steuern wir auf eine Gesellschaft von Internet-Junkies zu? „Die individuelle Nutzungszeit sagt wenig darüber aus, ob einer suchtgefährdet oder süchtig ist“, sagt Montag. Entscheidend seien zwei andere Indikatoren: die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone sowie Entzugserscheinungen. „Wenn man nervös ist, weil man sein Gerät nicht griffbereit hat, dann wird es gefährlich.“ Ebenso, wenn der individuelle Arbeitsflow durch permanente Ablenkung gestört werde – speziell für Unternehmen ein ernst zu nehmendes Problem. „Mitarbeiter finden nicht mehr in einen vertieften Arbeitsmodus hinein, denn ihr Gehirn kann gar nicht anders, als ständig auf neu eingehende Nachrichten wie E-Mails oder What’s-App-News zu reagieren.“

Wie unsinnig Handynutzung sein kann, verdeutlicht der Psychologe an einer lokalen Begebenheit: der Lichterserenade am Schwörwochenende 2016 – er war da selbst zugegen. Als die Kerzen gemächlich auf der Donau vorbeischwammen, gingen reflexartig tausende Smartphones hoch, um das Ereignis zu filmen. „Das muss man sich vor Augen führen. Die Leute drehen ernsthaft im Dunkeln schlechte Videos, die sie sich später nie anschauen werden.“ Das jedoch zu einem vergleichsweise hohen Preis. Denn das Prozedere erfordert Konzentration, man will ja nichts verwackeln. „Die Folge ist, dass man emotional überhaupt nicht mehr bei der Sache ist.“ Das quasi automatische Zücken des Gerätes verdeutlicht, dass es sich um konditioniertes, also antrainiertes Verhalten handelt, sagt Montag. Seit Aufkommen des Smartphones vor etwa zehn Jahren haben Nutzer infolge tausender Alltagssituationen gelernt, in bestimmten Momenten wie dem Warten auf einen Bus zwar nicht immer, aber eben in unregelmäßigen Abständen von ihrem kleinen Begleiter „belohnt“ zu werden: durch eine persönliche Message, ein Foto oder eine interessante Nachricht.

„Diese Belohnungen sind Gift für unser Gehirn.“ Sprich: Der Smartphone-Reflex stellt sich über kurz oder lang bei jedem ein. „Heute wird das Handy automatisch aus der Hosentasche geholt sobald man an der Bushaltestelle steht. Davon wegzukommen, ist schwierig.“

Aber nicht unmöglich. Montag rät, sich selber auszutricksen, das Handy beispielsweise in die hinterste Rucksacktasche statt in die Hose zu packen. „Wenn die Hand an der Bushaltestelle ins Leere greift, wird man sich zumindest seines reflexhaften Verhaltens bewusst.“ Ein weiterer Tipp: das Smartphone nicht als Uhr benutzen. Denn viele blieben nach einem kurzen Blick auf die Zeit an ihrem Gerät hängen, verdaddeln sich sprichwörtlich. Montag rät, sich eine aus der Mode gekommene Armbanduhr zuzulegen und zum morgendlichen Aufstehen auf den guten alten Wecker zurückgreifen – auch, um so das Handy aus dem Schlafzimmer gänzlich zu verbannen.

Auch gegenseitige Erziehung und sozialer Druck seien ein probates Mittel, allerdings am besten mit einem Augenzwinkern. Eine mögliche Absprache beim Kneipenabend oder im Restaurant: Wer zum Handy greift, muss eine Runde ausgeben.

Und auch im Arbeitsleben am PC gilt: abschalten. Wenn man sich konzentrieren müsse, sei es sinnvoll, sein E-Mail-Postfach zu schließen oder nur zu festen Zeitpunkten zu checken – maximal zweimal am Tag. „Wer diese Strategie verfolgt, hat weniger Stress, wird zufriedener und kriegt trotzdem dasselbe gebacken.“

Montags Rat an Reisende: In Bussen und Bahnen immer mal wieder länger aus dem Fenster schauen. Seine Gedanken schweifen zu lassen sei essenziell, um dem Gehirn Luft zum Atmen zu verschaffen. „Durch die permanente Ablenkung mit Medien berauben wir uns dieser Phasen, die extrem wichtig für unsere Kreativität sind.“

Auch wenn es noch keine Langzeitstudien gibt: Vieles spreche dafür, dass Smartphones, so wie alle Umwelteinflüsse, unsere Gehirnstrukturen verändern, sagt Montag. Zudem zeigten Studien, dass exzessive Internetnutzung zu geringerer Empathie führe und – vor allem bei Kindern – die Entstehung von ADHS begünstige.

Gezielt Kanäle öffnen

Verteufeln will der Wissenschaftler die neuen Technologien deshalb nicht, ganz im Gegenteil. „Internet und Smartphones sind nützlich und nicht der Untergang des Abendlandes.“ Vielmehr komme es darauf an, den Umgang damit zu lernen. Konkret: gezielt immer nur jene Kanäle zu öffnen, die von Bedeutung sind. Also für den Chef von 9 bis 18 Uhr erreichbar zu sein und nicht länger, für den Partner aber rund um die Uhr. „Die Kanäle müssen uns im Alltag in Zukunft entlasten, nicht permanent unterbrechen.“

Karriere Christian Montag (39), ist seit 2014 Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie an der Uni Ulm. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit dem Einfluss, den Internet und Smartphones auf Individuen und Gesellschaft haben. Nach Banklehre und Psychologiestudium in Gießen promovierte und habilitierte er – der fast Profi-Musiker geworden wäre und mit der Indie-Band „The Wildflowers“ Anfang der 2000er Jahre einen „MTV Award“ einheimste – an der Uni Bonn.

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