Mesale Tolus Sohn bleibt vorerst bei seiner Mutter im Gefängnis

Mesale Tolus Familie hofft weiter auf Freilassung der Ulmer Journalistin. Bundestagsabgeordnete aus der Region haben unterschiedliche Ansichten zum Umgang mit der Türkei.

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Mesale Tolu mit ihrem zweijährigen Sohn Serkan.  Foto: 

Was wird aus Serkan, dem zweijährigen Sohn der seit Ende April in der Türkei wegen „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“ inhaftierten Mesale Tolu? Im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE hatte Tolus  Bruder Hüseyin gesagt, seine Schwester habe ihn gebeten, den Buben zurück nach Neu-Ulm zu holen, falls sie zu einer Haftstrafe verurteilt werde. Dies sei besser als ein Daueraufenthalt im Gefängnis. Serkan lebt als einziges Kind mit 24 weiteren weiblichen Häftlingen in einer Gemeinschaftszelle im Istanbuler Gefängnis Bakirköy, nur ein Ball ist ihm als Spielzeug gestattet.

Nach dem ernüchternden Ausgang der ersten Verhandlungstags – die 33-jährige Journalistin bleibt, wie berichtet, in Haft, der Prozess wird im Dezember fortgesetzt – gibt es aber keine Anzeichen für eine rasche Rückhol­aktion. Wie Cengiz Dogan vom Solidaritätskreis für Mesale Tolu berichtet, wurde der Junge während der zehnstündigen Verhandlung am Mittwoch von Freunden betreut. „Danach ist er wieder mit seiner Mutter zurück ins Gefängnis.“ Fürs Erste, so Dogan, werde er dort bleiben.

Über Mesales Gemütszustand konnte Dogan nichts sagen, dafür aber über den der Familie. „Wir haben uns nach der Verhandlung  alle getroffen oder miteinander telefoniert. Mesales Vater, Oma und ihre beiden Geschwister sind zwar enttäuscht, aber weiter hoffnungsvoll, dass sie freikommt.“  Die Anklage sei unhaltbar. Die Bundesregierung müsse jetzt aber „endlich richtig Druck ausüben“.

Reaktionen aus der Politk auf den Prozessauftakt

Eine harte Linie gegenüber der Türkei? Die Ulmer Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis (SPD)  glaubt, dass genau das der falsche Weg wäre. „Wir sehen ja, wie es in Russland läuft. Es hat keinen Effekt.“ Zudem treffe ein Boykott vor allem die einfache Bevölkerung, von der ein erheblicher Teil schon genug leide – auch unter Erdogan. Sinnvoller als Sanktionen sei eine „Stärkung der türkischen Opposition“, so Mattheis, die keinen Zweifel lässt, dass Tolu unschuldig im Gefängnis sitzt. Forderungen wie die der Linken-Abgeordneten Heike Hänsel, der Fall müsse „endlich Chefsache werden“, seien unbegründet. „Tolu und die anderen Inhaftierten sind längst Chefsache.“

So sieht es auch die Neu-Ulmer Abgeordnete Ekin Deligöz (Grüne). „Das Auswärtige Amt und die Bundeskanzlerin legen sich echt ins Zeug.“ Wichtig sei,  dass Deutschland „auf dem Weg der Diplomatie“ bleibe. „Je größer wir das Thema machen, desto wichtiger werden die Geiseln in ihrer Bedeutung für Erdogan.“ Man müsse konkret eine Auslieferung anstreben. „Wenn wir das mit Wirtschaftspolitik vermischen, werden die Inhaftierten zum Gegenstand.“

Anders argumentiert der Neu-Ulmer Abgeordnete Georg Nüßlein (CSU). Er plädiert für möglichst harte Sanktionen, „flankiert von diplomatischen Gesprächen“. Zudem sei es an der Zeit, eine Reiserwarnung für die Türkei auszusprechen. Nüßlein tut es schon. „Ich rate jedem ab, sich dort touristisch, geschäftlich oder sonstwie zu engagieren.“ Allerdings stellt auch er fest. „Es gibt in der Türkei nicht nur Pro-Erdogan-Stimmung.“

Die Ulmer Abgeordnete Ronja Kemmer (CDU) antwortet schriftlich: „Die Bundesregierung setzt sich auf allen Ebenen für die Freilassung von Mesale Tolu ein. Ich bezweifle aber, dass es zur Zeit faire, rechtsstaatliche Verfahren in der Türkei gibt. Der Druck auf die Türkei muss im Zusammenspiel mit den anderen europäischen Ländern aufrechterhalten werden. Wir dürfen nicht nachlassen deutlich zu machen, dass wir diese Art der politischen Verfolgung nicht dulden.“

Kundgebung „Wir machen weiter, bis Mesale frei ist“, sagt Cengiz Dogan vom lokalen Solidaritätskreis. Jeden Freitag um 18 Uhr gibt es eine Kundgebung am Münsterplatz. „Wir rufen alle auf teilzunehmen, denen Demokratie, Freiheit und Solidarität wichtig sind.“

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