Bewegende Audienz - Ulmer Luther-Fachmann trifft Papst

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Für die Ökumene war es ein kirchenhistorischer Meilenstein, dass man sich innerhalb des Vatikans mit Martin Luther beschäftigt hat“, sagt Prof. Berndt Hamm über die Tagung im Vatikan, an welcher der in Ulm lebende Kirchengeschichtler teilgenommen hat. Im Gedenkjahr der Reformation ging es nicht darum, Luther als Ketzer zu verdammen wie vor 500 Jahren, sondern „ihn positiv zu würdigen als Vertreter einer Theologie, von der die katholische Kirche auch heute lernen kann“.

„Luther – 500 Jahre danach. Eine Wiederbeschäftigung mit der lutherischen Reformation in ihrem historischen und kirchlichen Kontext“ lautete der Titel der Tagung, die mit 18 katholischen und evangelischen Referenten aus sieben Nationen besetzt war und die das päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften veranstaltet hat. Hamm (72) ist evangelischer Theologe, hatte von 1984 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2011 einen Lehrstuhl für neuere Kirchengeschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Unterkunft Der Ulmer ist mit seiner Frau Dr. Gudrun Litz, die Reformations-Spezialistin im Ulmer Stadtarchiv, nach Rom gefahren. Sie und die anderen Teilnehmer der Tagung waren in der Casa Santa Marta untergebracht – jenem Gästehaus auf dem Campo Santo Teutonico, in dem auch Papst Franziskus wohnt.

Prunk Das katholische Oberhaupt war vor vier Jahren als Kardinal und Bischof von Buenos Aires zum Konklave angereist, bei dem der Nachfolger für Benedikt XIV. gewählt wurde. Santa Marta beherbergt die Kardinäle während des Konklave – und Franziskus blieb dort wohnen, weil er einen Umzug in die päpstlichen Gemächer und anderen Prunk ablehnt.

Nähe So kam es, dass Litz und Hamm genau in der Etage über dem Papst untergebracht waren, dessen Räume sich von den anderen lediglich darin unterscheiden, dass ein Schweizer Gardist vor der Türe Wache hält. Auch im Speisesaal war er Papst täglich anzutreffen.

Faszination Die eindrücklichste Begegnung aber war die Privataudienz für die Tagungsteilnehmer. „Das war bewegend“, erzählt Berndt Hamm. „Dieser Mann strahlt eine beeindruckende Güte, Herzlichkeit und Menschenfreundlichkeit aus.“ Er habe jedem Teilnehmer die Hand und das Gefühl gegeben, „als sei es für ihn das Wichtigste an diesem Tag“. Der Kirchengeschichtler weiter: „Für uns Evangelische ist der Papst ja nur ein Mensch, wenn auch ein besonderer. Aber man kann sich der Faszination dieses Mannes nicht entziehen: Er lebt seinen Glauben, hat Einfluss und bewegt etwas in dieser Welt.“ So wie der Papst sich immer wieder für Flüchtlinge einsetzt und den Kontakt zu Armen, Inhaftierten und anderen Menschen sucht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Audienz In seiner Rede während der Audienz hat Franziskus das Wirken und die theologischen Verdienste Luthers herausgestrichen. Darüber hinaus ermunterte er die Teilnehmer der ökumenischen Tagung und betonte, dass der gemeinsame Weg noch nicht zu Ende sei.

Themen Wie Hamm berichtet, beschäftigte sich die Tagung mit vier Themenbereichen: das Zeitalter der Reform im 15. und 16. Jahrhundert, einschließlich der Reformation; Luther selbst und die lutherische Reformation; Luther im politischen Kontext; sowie die Luther-Forschung in Spanien, Lateinamerika, Italien und Frankreich, wo auf die reformatorische Bewegung eine starke Unterdrückung folgte.

Spezialgebiet: der junge Luther

Das Spezialgebiet Hamms ist die Entwicklung des jungen Luther und wie er zum Reformator wurde, ehe er 1517 seine 95 kirchenkritischen Thesen veröffentlichte. Der Kirchengeschichtler liest aus den frühen Schriften und Vorlesungen von 1513 heraus, wie Luther bereits „die theologischen Koordinaten neu gestellt hat“. Durch die Erkenntnis, dass der Mensch „vor Gott radikaler Sünder ist und bleibt, der Gott nichts anbieten oder sich durch gute Taten das Heil verdienen kann“. Sondern dass Gott dem Menschen das Heil schenkt als „Gabe ohne Gegen­gabe“.

Daraus leitet Luther ein neues Verhältnis zu Gott ab, „das Tor zur Freiheit für die Menschen“, erläutert Hamm. Aus dem auch die radikale Abkehr der damals gängigen Ablass-Praxis der Kirche folgte. Mit dem neuen Grundverhältnis zwischen Mensch und Gott „geht Luther theologisch radikal über andere Reformatoren vor ihm hinaus“, die moralische Missstände in der Kirche kritisiert hatten.

Ablauf Die wissenschaftliche Tagung „Vielstimmige Reformation in den Jahren 1530 bis 1548“ findet am 18./19. Mai statt im Haus der Begegnung. Veranstalter sind die Stadt Ulm, Stadtarchiv/Haus der Stadtgeschichte, Uni Tübingen, evangelische Gesamtkirchengemeinde und evangelischer Bund Württemberg. Renommierte Wissenschaftler halten Vorträge, die offen für die interessierte Besucher sind (Programm unter www.reformation.ulm.de). Am Donnerstag, 18. Mai, ist ab 19 Uhr eine öffentliche Veranstaltung im Stadthaus, bei der Prof. Berndt Hamm den Abendvortrag hält über „Die Antriebskräfte der Reformation in ihrer Vielstimmigkeit“. Um 20.15 Uhr folgt im Chorraum des Münsters ein Konzert mit dem Scherer-Ensemble und Musik aus der Reformationszeit.

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Kommentare

18.04.2017 20:32 Uhr

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Weitaus katholischer als der Papst gebärdet sich derzeit allen voran die Ulmer Geschäftsstelle der Industriegewerkschaft Metall. Sowohl die Versammlung der von den Betrieben entsandten Delegierten als auch der dortige Ortsvorstand nutzen die sich ihnen bietenden Möglichkeiten ihrer relativen Autonomie nicht, um sich von der aktuell laufenden Kampagne zur Arbeitszeit abzugrenzen, die einer vermeintlichen Fremdbestimmung der Belegschaftsangehörigen die Forderung nach mehr Selbstbestimmung entgegen setzen möchte. Anlässlich der am Tag der Arbeit am 1. Mai im Münster um 9:30 Uhr stattfindenden Andacht ist die katholische Betriebsseelsorge sowie der kirchliche Dienst in der Arbeitswelt als die beiden Veranstalter aufgrund dessen dazu aufgerufen, die besagte Gewerkschaft in die vom Souverän gebotenen Schranken zu weisen.

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18.04.2017 17:54 Uhr

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Behauptet beispielsweise Papst Franziskus jüngst, dass "diese Wirtschaft tötet", setzt sich das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche über theoretisch angeleitet und empirisch kontrolliert inzwischen unwiderruflich gewonnene Befunde hinweg und könnte von Luther wenigstens lernen, zumindest die Universalien des Sozialen zu achten, falls er noch ein ernst zu nehmender Theologe sein will. Anstatt also den bestehenden Orientierungsmaßstab für Forschung und Lehre, den die arbeitsteilig untrennbar kooperierenden Disziplinen der Philosophie und Soziologie spätestens seit einem Vierteljahrhundert zur Verfügung stellen, auch künftig als belanglos zurückzuweisen, käme es gegenwärtig entscheidend darauf an, sich schleunigst daran auszurichten und nicht weiter so zu tun, als ob nunmehr die nachweislichen Verlierer plötzlich die Gewinner sind und umgekehrt. Das gilt darüber hinaus außerdem für den daran anschließend geradezu massenhaft verbreiteten Eindruck, dass angeblich die Welt zunehmend aus den Fugen gerät, der in seiner Beliebigkeit nicht augenfälliger von einem zutiefst falschen Bewusstsein beredtes Zeugnis ablegt.

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18.04.2017 14:25 Uhr

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In der Konsequenz heißt das, dass ökonomisch-gesellschaftliche Mechanismen die Träger menschlicher Arbeitskraft körperlich unwiederbringlich entziehen, sobald Dritte auch nur die leisesten Anstalten unternehmen, auf deren Potenzial in unzulässiger Weise von außen zuzugreifen. Die einschlägige Literatur berichtet demgemäß von einer schon immer fehlenden Unmittelbarkeit jedweden Handelns und kritisiert das instrumentelle Bewusstsein, das um des eigenen Vorteils willen über Leichen gehend danach trachtet, sich den Bewegungsgesetzen moderner Gesellschaften zu bemächtigen. Hielten jene Zeitgenossen in ihrem von vornherein aussichtslosen Tun inne, würden Unsummen öffentlicher und priavter Gelder frei und die Option stünde sperrangelweit offen, die Mittel endlich für unaufschiebbare Investitionen zum Wohle aller zu verwenden.

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18.04.2017 13:29 Uhr

Antwort auf „Wohlfeile Auffassung Luthers”

Demnach ergibt die von Luther vertretene Auffassung nur dann einen Sinn, wenn der Bruch mit der Heteronomie menschlicher Arbeit längst vollzogen ist, weil die Träger menschlicher Arbeitskraft ohnehin in Wirklichkeit seit jeher außerhalb jeglicher Reichweite existieren und deshalb die oft geführte Klage, von einer anderen als der eigenen Gesetzlichkeit abhängig zu sein, lediglich fiktional in der Gestalt eines Hirngespinsts, aber niemals realiter von Bestand ist. Luther als einen Vorläufer des heutigen Kapitalverhältnisses zu bezeichnen, täte ihm daher posthum äußerste Gewalt an und würde seiner historischen Bedeutung willkürlich nicht im Geringsten gerecht, sondern zweifelte wider besseres Wissen aus nichtigem Anlass heraus an seiner Eigenständigkeit.

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18.04.2017 09:27 Uhr

Wohlfeile Auffassung Luthers

Angesichts dessen, dass vor allem die gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht selbsterklärend sind, bleibt der Einzelne nicht davon entbunden, sie notwendig entschlüsseln zu müssen, indem er in den insofern gebotenen Dialog eintritt und sich seinen eigenen Begriff davon macht, der letztlich imstande ist, Heilung zu versprechen. Im Zentrum steht somit auch 500 Jahre nach der Reformation die menschliche Arbeit. Ohne die von Menschenhand gemachten Bedingungen verändert zu haben, zu denen jeweils die Arbeitskraft zu verausgaben ist, könnte es wohlfeiler nicht sein, wie Martin Luther von einer "Gabe ohne Gegengabe" zu sprechen, weil insbesondere die am besten Qualifizierten dadurch immensen Gefährdungen für Leib und Leben ausgesetzt sind und infolge der in Rede stehenden Relativierungen Dritter nicht selten bereits früh zu Tode kommen, ohne zu Lebzeiten jemals das "Tor zur Freiheit für die Menschen" passiert zu haben.

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